Meine Teilnahme am Bundesweiten Männertreffen

Ein persönlicher Bericht von Eilert Bartels

Foto: Eilert Bartels

Vielfalt, Menschlichkeit und flache Hierarchien

Ein Bericht über das bundesweite Männertreffen 2019

„Das kann man nicht beschreiben. Das muss man selbst erleben.“

Schon seit einigen Jahren schwärmten mir zwei Männer aus meinem Freundeskreis vom bundesweiten Männertreffen vor. Dort treffen sich seit 1975 jedes Jahr an einem anderen Ort um Christi Himmelfahrt 4 Tage lang die ganze Vielfalt von Männern, die es so gibt: um sich auszutauschen, sich zu begegnen und über die Jahre entstandene Freundschaften zu pflegen.

Aber irgendwie war es für mich noch nicht dran.

Vermutlich musste ich erst ein Stück meinen eigenen Weg gehen, bei der Frage, was Mann Sein für mich bedeutet. Viele der Angebote in der Welt, die es für Männer gibt, sprachen mich bisher nicht an.

Zu viel wird mir da suggeriert:

  • So wie du bist, bist du noch nicht gut genug.
  • Erst wenn du wirklich deine Mitte …
  • Ehe du nicht deine Vaterwunde …
  • Solange du nicht kraftvoll in deiner Männlichkeit …
  • Nur ein echter Mann kann einer echten Frau …
  • Werde dies, mache das …
  • Der Weg des wahre Mannes …
  • Entdecke deine Männlichkeit …
  • und so weiter …

Vermutlich musste ich erst selbst mein Buchprojekt starten, in dem ich Männer mit Fotos und Interviews portraitiert habe, um von all diesen Idealen wegzukommen, wie Männer werden sollten, und um mich mit dem zu verbinden, wie Männer sind.

Offenbar musste ich erst meinen Frieden mit mir selbst finden, um der Einladung zum bundesweiten Männertreffen zu folgen.

Vermutlich fühlte sich auch meine Eitelkeit ein wenig geschmeichelt: Als mich dann jemand anschrieb, den ich bis dahin nicht kannte, und sagte: „Du und dein Buch – ihr gehört auf das Bundesweite Männertreffen.“ dachte ich: Ja, jetzt passt es.

Also meldete ich mich an,

und fuhr am Mittwoch Mittag vor Himmelfahrt Richtung Burg Ludwigstein an der Werra, an der Grenze zwischen Hessen und Thüringen, um mich mit 200 Menschen – davon etwa drei viertel Männer und ein viertel ihre Kinder – zu treffen.

Auf der Hinfahrt war ich noch etwas aufgeregt und nervös: „Vier Tage lang in einer Jugendherberge? Mit 200 Menschen zusammen geregelt zum Essen antreten, Programm absolvieren, auf Kommando gesellig sein?“ Puh, das triggerte alte Kindheitserinnerungen an Chorfahrten in der Grundschule, als die Fahrten ins Schullandheim für mich die reinste Qual waren.

Damals wurde ich gemobbt wie die Hölle. Solche Gedanken schwangen als ferne Erinnerung mit. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass ich heute ein erwachsener Mann bin, und gut für mich sorgen kann.

Diese Gedanken verflogen fast wie von selbst, als ich erst mal da war und Mittwoch abend das erste Plenum, stattfand, wo sich zwei mal täglich, morgens und abends, alle teilnehmenden Männer und Kinder versammeln.

Was mir dort begegnet ist, ist ein Raum, der jeden so annimmt, wie er ist. Keine Suche nach Idealen bildet das Motto, sondern menschliche Annahme und Anteilnahme und vor allem: Vielfalt. Das Ganze ist komplett selbstorganisiert, aus der Gemeinschaft der Männer und Kinder bildet sich jedes mal das Organisationsteam fürs übernächste Jahr. Dadurch sind die Hierarchien extrem flach.

Die Aufgabe des Orga-Teams ist im wesentlichen, den Rahmen zu organisieren. Was inhaltlich auf dem Männertreffen geschieht, gestalten die Männer und Kinder selbst.

Hatte ich zuvor gedacht, dass es für die Kinder wohl so eine Art separater Betreuung gäbe, wurde mir nun klar: Nein. Die Kinder sind ganz klar Teil der Gemeinschaft. Sie organisieren mit, was sie interessiert, sie gestalten den gemeinschaftlichen Rahmen mit. So organisierten sie sich z.B. selbst einen Workshop für Jugendliche und junge Männer, um über Sexualität, eigene Erfahrungen und gemachte Fehler auszutauschen und so voneinander zu lernen.

Das morgens und abends stattfindende Plenum ist der Raum, in dem die Workshops des folgenden halben Tages angekündigt werden. Es ist aber z.B. auch der Raum, Frust und Ärger loszuwerden. Dafür wurde dieses Jahr wohl erstmals die sogenannte Statement- Runde eingeführt: Wer etwas loswerden möchte, kann nach vorne gehen, darf auch mal laut werden,  schimpfen, zu Handlungen auffordern, ja sogar polemisieren und polarisieren ist hier einmal erlaubt.

Damit es nicht ausufert, gilt eine zeitliche Begrenzung von einer Minute, die in der Praxis nicht sklavisch eingehalten und eingefordert wird, aber die Richtschnur vorgibt.

Das MT, wie das bundesweite Männertreffen oft abgekürzt wird, ist über die Jahre hinweg in ständiger Weiterentwicklung, was die Gestaltung von Gemeinschaft betrifft. So ist die Statement-Runde aus dem Bedürfnis der letzten Jahre entstanden, Konflikte nicht mit einem – ich nenne es mal: Wir-haben-uns-alle-lieb-Habitus weich zu spülen, sondern sie als Teil gelebter Gemeinschaft sichtbar zu machen.

Für viele der Teilnehmer ist jedoch ein Programmpunkt jedes Plenums das Filetstück des MT überhaupt:

Die Befindlichkeitsrunde.

Hier kann jeder, der möchte, nach vorne gehen, und mitteilen, was ihn bewegt und wie er sich fühlt. Auch hier gibt es ein paar Regeln: „Sprich von dir selbst. Sprich aus dem Herzen. Sprich keine Aufforderungen zum Handeln aus. Bleibe bei Dir. und noch einmal: Sprich aus dem Herzen.“ Auch hier gilt „eine Minute Redezeit“ als Richtschnur.

Und genau diese Befindlichkeitsrunde war es dann auch, wo ich gleich am ersten Abend spürte: Hier bin ich richtig. Hier kann ich so sein, wie ich bin. Männer, die nach vorne kamen, und ihrer Freude Ausdruck verliehen, wieder hier zu sein. (Viele der Männer kommen seit Jahren immer wieder!).

Männer, die nach vorne kamen, und sich in ihrer Ratlosigkeit zeigten, weil sie gerade nicht wissen, wohin es in ihrem Leben weiter geht. Männer, deren Kinder gestorben waren oder deren Mutter ins Pflegeheim musste. Männer, die etwas Lustiges erlebt hatten oder sich durch Begegnungen angefüllt und bereichert fühlten.

All das hatte Platz, alles das hatte Raum fürs Mitfühlen in der Gemeinschaft, ohne dass es kommentiert wurde, ohne dass mit „Rat geschlagen“ wurde.

Es wurde gemeinsam gelacht, geweint, gefühlt, gefreut. Eine Besonderheit ist, dass Gefühle von der Gemeinschaft mit einer Art stillem Applaus beantwortet werden, wenn es passt und  stimmig ist.

Es gibt dafür eine Geste – eine Art Winken aus einer seitlichen Drehung des Handgelenks heraus – die in etwa signalisiert: Wir sehen dich, wir fühlen dich, wir sind bei dir. Manchmal machen das Einzelne, manchmal sie man alle auf diese Weise winken.

Wenn das 200 Menschen tun, sieht das erst mal komisch aus, hat aber den Vorteil, dass Gefühle nicht durch Lautstärke weggeklatscht werden. Als ich selbst vorne saß, und ich mich mit meiner Erleichterung zeigte, dass ich hier der Mann sein kann, der ich bin, ohne dass irgendwelche Rollen von mir erwartet werden, brach mir die Stimme.

Und ich wusste es zu schätzen, als mir 200 Hände, von Kindern bis zu über 70jährigen, winkend still antworteten und mir dennoch den Raum ließen. Ob ich nun selbst nach vorne ging oder nur als Teil der Gemeinschaft zuhörte und dabei war: Ich wusste: Hier muss ich nicht erst irgendetwas werden. Hier darf ich der sein, der ich bin. Hier gibt es niemanden, der über oder unter mir steht. Und das gilt nicht nur während des Plenums, sondern bildet den Rahmen des MT überhaupt.

Wer mag, kann Workshops anbieten oder an Workshops teilnehmen, aber auch einfach dort sein und nichts Bestimmtes tun ist möglich und in Ordnung.

Die Workshops sind so vielfältig wie die Männer selbst: vom Singkreis über Gesprächsrunden und Theaterworkshop bis zu Selbstverteidigung und Schwitzhütte war alles willkommen. Ich war mit meiner Buchvorstellung huMANNoid | Männer sind Menschen dabei.

Es gab Angebote zu Aikido ebenso wie ein Bodypainting-Workshop, einen Gesprächskreis zum Thema Kriegskinder und Kriegsenkel, ein Zwölfjähriger bot eine Führung in den Wald zum Thema „Ameisen, die heimliche Weltmacht“ an, es gab einen Fotoworkshop ebenso wie ein kleines Konzert eines Liedermachers, einen Kuschelraum, ein Haarpflege-Workshop und vieles mehr. Für mich persönlich war ein Gesprächskreis besonders anregend, weil er an die Grenzen dessen rührte, was wir unter Geschlechtszugehörigkeit definieren.

Unter dem Titel „Wie viel Mann ist da noch dran, wie viel Frau ist da auch drin“ hatten wir Gelegenheit, unsere inneren Vorstellungen zu hinterfragen. Hintergrund dieses Workshops ist, dass im letzten Jahr einer der Männer sich nach Jahren der Teilnahme vom MT verabschieden wollte, weil sein Lebensweg ihn vom Dasein als Mann zum Dasein als Frau geführt hatte.

Beim Abschlussplenum des letzten Jahren verkündete sie das, zog die Männerkleidung aus und gab die darunter liegende Frauenkleidung frei. Ihr Mut wurde nicht nur mit Standing Ovations belohnt, sondern als langjähriger Teilnehmer des MT wurde sie auch für dieses Jahr von einigen der Männer ausdrücklich eingeladen, wieder dabei zu sein. Und sie war auch dabei.

Es ist diese Offenheit dem Mensch-Sein gegenüber, die das bundesweite Männertreffen so besonders macht. Anstatt wie bei vielen anderen Veranstaltungen und Angeboten für Männer das Wort „Männlichkeit“ stark zu betonen und fast wie ein Banner vor sich her zu tragen, wird sie hier ganz einfach als das gelebt, was sie ist: Menschlichkeit und Vielfalt.

Durch die Selbstorganisation sind die Hierarchien sehr flach

und es hat mich bewegt, wie sich das Kollektiv durch Vielfalt und menschlichen Respekt immer wieder selbst reguliert.

elbst, wenn es mal Konflikte gibt, etwa, wenn Organisatorisches mal nicht klappt, oder einzelne bei der Befindlichkeitsrunde aus dem Rahmen fallen. So etwas kommt durchaus auch schon mal vor, und wird von der Gemeinschaft wie von selbst wieder eingefangen und gehalten.

Nach vier Tagen voller berührender Begegnungen, vieler Umarmungen, der Möglichkeit, sich jederzeit auch mal für ein paar Stunden zurückzuziehen und „sein Ding“ zu machen, um dann  wieder Workshops, Gemeinschaft und Begegnung mitgestalten zu können, ging am Sonntag das bundesweite Männertreffen mit dem Abschlussplenum zu Ende.

Sehr berührend dabei: Die Verabschiedung zweier Mädchen, die seit Jahren mitkamen und nun das 12. Lebensjahr erreicht haben, und deshalb künftig nicht mehr dabei sein werden. Sie wurden noch einmal als Teil der Männertreffen gewürdigt und gehen nun künftig ihren Weg als Frauen. Für mich wurde da noch einmal sehr spürbar, wie sehr auch die Kinder wertgeschätzter Teil dieses Männertreffens sind.

Eine letzte Gelegenheit zur Befindlichkeitsrunde, und – jedes Jahr mit Anspannung erwartet:

Die Formierung des Orgateams fürs übernächste Jahr.

Ich hörte, es gab Jahre, da ging das ganz schnell, aber auch Jahre, da dauerte das fast eine Stunde. Alle im Raum wissen: Acht bis zehn Männer von uns müssen sich finden und bereit sein, das übernächste MT zu organisieren und den Rahmen neu zu gestalten.

Entwicklung und Veränderung sind dabei erlaubt und gewünscht. Alle im Raum wissen: Wenn wir es nicht machen, macht es niemand. Ich weiß nicht, wie der Findungsprozess in den letzten Jahren abgelaufen ist. In diesem Jahr lief es wenig über Motivationsaufrufe und Anheizen, sondern – einmal mehr – über Stille.

Wir wurden eingeladen, die Augen zu schließen und in uns hinein zu spüren: „Gibt es in mir den Impuls, Ja zu sagen? Lass nochmal Revue passieren: Was hast Du erlebt? Was möchtest Du auf künftigen MT erleben?“ Hast Du Potential, Kraft, Lust, gemeinsam mit anderen Männern dafür zu sorgen, dass das MT weitergeht?“

So saßen wir – 200 Menschen – acht oder neun mal mit geschlossenen Augen da, bis schließlich einer nach dem anderen, acht oder neun Männer vorne standen und wir wussten: Die nächsten zwei Jahre wird das MT sicher weiter gehen. Hier gab es dann auch deutlich hörbaren Applaus! Mit einem Abschlussritual klang das bundesweite Männertreffen 2019 aus.

Das Orgateam bildete auf der großen Wiese einen kleinen Kreis in der Mitte des großen Kreises aller Teilnehmer, alle hielten sich an den Händen. Der äußere Kreis begann, gemeinsam einen Ton zu singen, der innere Kreis kam mit einem weiteren Ton (für die Musiker unter den Lesern: die Quinte) hinzu. Für eine Weile schwebte diese Klangenergie fast wie ein greifbares Gebilde um unsere Köpfe und erfasste unsere Herzen.

Das Orgateam reihte sich wieder in den äußeren Kreis ein, und mit einem gemeinsamen gesprochenen „Das Männertreffen 2019 ist beendet“ löste sich der Kreis auf und es gab Gelegenheit, sich voneinander zu verabschieden, letzte Worte zu wechseln und gegebenenfalls sich ein Wiedersehen im nächsten Jahr zu wünschen.

Angefüllt mit soviel Berührung und Begegnung, und einem Frieden in mir, der sich nachhaltig anfühlt, bin ich von diesem Treffen nach Hause gefahren, um meine Frau und meine großen Kinder und auch meinen Alltag wieder in die Arme zu schließen und die Energie gelebter männlicher Menschlichkeit weiterzugeben.

Es ist bemerkenswert, was Männer in Eigeninitiative hier über Jahrzehnte immer weiter entwickeln. Für mich war das kein “Männer”treffen. Für mich war es ein Treffen männlicher Menschlichkeit.

Davon wünsche ich mir mehr in der Welt. Davon möchte ich auch mehr in die Welt bringen.Und ich will beim bundesweiten Männertreffen 2020 bei Bielefeld wieder dabei sein.

Danke allen Männern, denen ich dieses Jahr dort begegnen durfte.

P.S.: Tom Süssmann vom Männerportal.Net bat mich vor ein paar Wochen, einen Bericht über das Bundesweite Männertreffen zu schreiben. Nun, das ist er. Ich habe versucht, ein paar
Eindrücke zu vermitteln. Aber eigentlich kann ich mich nur meinem eingangs erwähnten Freund anschließen: „Das kann man nicht beschreiben. Das muss man selbst erleben.“

https://www.maennertreffen.info/MT20/index.html
https://eilert-bartels.de

Eilert Bartels
Über Eilert Bartels 2 Artikel
Eilert Bartels, Jahrgang 1968 lebt seit 29 Jahren in fester Partnerschaft mit seiner Frau Judika Bartels und ist Vater zweier Kinder.

Er ist Mitgründer der Praxis „Beziehungsperspektive“ in Berlin, wo er seit 2015 als Psychologischer Berater, Heilpraktiker für Psychotherapie und als Paar- und Sexualtherapeut gemeinsam mit Judika Konzepte für sexuelle Selbstbestimmung entwickelt und anbietet.

Die Beschäftigung mit Geschlechterrollen und männlicher Identität begleitet ihn fast sein ganzes Leben und führte Anfang 2017 zum Start des Projektes „huMANNoid – MÄnner sind Menschen.
Kontakt:
www.eilert-bartels.de
www.beziehungsperspektive.de
kontakt@beziehungsperspektive.de
www.humannoid.de
kontakt@humannoid.de

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