Meine Depression

Ein persönlicher Bericht von Eximum-Betreiber Thilo Heffen.

Foto: Pixabay | HolgersFotografie

Am 27. Juni 2017 gegen 07:00 Uhr morgens schnappte ich dann vollends über! Auf dem Weg ins Büro, der im Laufe der letzten Wochen immer beschwerlicher geworden war, legte ich endgültig den mentalen Kugelschreiber auf den mentalen Schreibtisch und bog Richtung Hausärztin ab. Als ich dann auf ihre Frage “Was kann ich für Sie tun?” anfing wie ein Schuljunge Rotz und Wasser zu heulen, wurde uns beiden klar dass es hier nicht nur um eine Erkältung ging!

Hier mein ehrlicher Zustandsbericht…

Depression! Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2015 leiden schätzungsweise rund 4,1 Millionen Deutsche darunter. Diese psychische Erkrankung schreitet seit ein paar Jahren rasant voran. Ich will hier aber keine Fakten aufzählen, dafür gibt es Google. Ich will Ihnen nur mal versuchen zu erklären wie sich das in etwa anfühlt, wenn Ihnen der eigene Verstand in die metaphorischen Eier tritt.

Der Anfang

Als erstes: Depression war für mich nie eine ernstzunehmende Krankheit! Jeder hat mal eine schlechte Phase, was soll’s! Normale Härte, oder? Da muss man durch, Augen zu, das wird schon, stellen Sie sich nicht so an, Menschenskindernocheinmal! Und irgendwo war jeder der darunter litt -vor allem jeder Mann- für mich ein Weichei. Das war meine Denkweise, einfach weil ich keine Ahnung hatte. Sie können sich vorstellen dass sich meine Meinung mittlerweile grundlegend geändert hat!

Als ich also an diesem 27. Juni 2017 zu meiner Ärztin ging, hätte ich es nicht für möglich gehalten dass ich bis heute aus dem Arbeitsleben raus genommen werden würde. Noch abwegiger, wegen einer depressiven Erkrankung! Was war passiert?

Ich nahm immer an dass man sich bei einer Depression schwarz anzieht, in der Ecke hockt und den ganzen Tag heulend Musik von “The Cure” hört. Überraschung! Ist gar nicht so!”

Ich war erfolgreich, arbeitete jahrelang an einem großen Flughafen, zuletzt als Operations Manager der größten russischen Frachtfluggesellschaft, immer unter Strom, mein Chef ein Sparringspartner, mein Team ein Traum, meine Erreichbarkeit 24/7 und mein Sozialleben bei fast Null! Wen stört es wenn Geld und Prestige stimmen, oder?! Weil meine Frau schwanger wurde entschied ich mich, diesen Job zu kündigen und was anderes zu machen. Ich wurde Branch Manager eines englischen Industriekonzerns. Geregelte Arbeitszeit, Firmenwagen, neue Betätigungsfelder und eine Niederlassung, die sich während meiner Zeit fing und schwarze Zahlen produzierte.

Traumhaft, oder?

Nein!

Während mir der Job am Flughafen einiges abverlangte und ich unter Hochdruck ständig Entscheidungen treffen musste, war die nächste Position völlig anders gelagert: Wenn ich nicht bei Kunden war verbrachte ich meine Zeit in meinem Büro. Meistens allein, meistens mit irgendwelchen Dokumenten und Tabellenmonstern. Zu diesem Zeitpunkt machten sich die ersten Konzentrationsstörungen und auch die Vergesslichkeit bemerkbar.

Warum ich das hier schreibe

Willst Du echt so ehrlich darüber schreiben? Was, wenn das der Falsche liest und keiner mehr Geschäfte mit Dir machen will?” So oder so ähnlich war die Frage, die mir gestellt wurde als ich die Idee zu diesem Post erwähnte. Und meine Antwort darauf: Das ist mir egal! Ich bin weder bekloppt, unzurechnungs- oder nicht geschäftsfähig! Auch wenn vielleicht manche Zeitgenossen aus Ahnungslosigkeit genau das glauben.

Ich habe in den letzten Monaten mitbekommen, wie viele Geschlechtsgenossen unter einer Männerdepression leiden. Und wie wenig von ihnen den Mund aufmachen. Wenn ich mit diesem Artikel und meiner eigenen, kleinen Geschichte wenigstens einem von ihnen einen Denkanstoß geben kann, dann ist es das wert. Fragen Sie ruhig!

Ignoranz

Zuerst wischt man alle Anzeichen beiseite, schiebt sie auf zuwenig Schlaf oder zuwenig Urlaub. Auch die wachsende Spannung, die sich in einem aufbaut, wird ignoriert. Das Ergebnis ist dass einem im besten Fall irgendwann der Kessel platzt. Oder, im schlimmsten Fall, dass einem irgendwann der Kessel platzt. So oder so wird das eine unschöne Sache.

Nachdem mich meine Hausärztin in die psychiatrische Ambulanz überwiesen hatte, begann der Prozess der Akzeptanz. Ich musste realisieren dass ich krank geworden war mit etwas, das man mir von außen nicht ansehen konnte. Das war ein ziemlich schwieriger Schritt. Depression! Ich! Eine Frauenkrankheit! Konnte es nicht wenigstens ein Burnout sein? Da kann man als Mann noch schön beweisen dass die eigene Leistung einen ins Aus befördert hat, dass man vorher richtig schön rangeklotzt hat! Männerdepression. Scheisse!

Der Fairness halber muss ich dazu sagen dass ich kurz vorher auch eine physische Diagnose bekam, die ich erst einmal verdauen musste. Davon aber an anderer Stelle vielleicht mehr. Zugegeben, alles in allem war ich ganz schön im Arsch!

Kontrollverlust

Für mich, der die Dinge gerne unter Kontrolle hat, war das Gefühl des Ausgeliefertseins furchtbar. Meine Tage waren gefärbt von Phasen tiefer Traurigkeit und Verzweiflung, in denen ich unvermittelt und ohne Grund wie ein Kleinkind losheulen musste. Und ich konnte nichts dagegen machen! Auch wenn es für mich als Option nie in Frage kam konnte ich plötzlich verstehen, warum sich Menschen, die es noch härter als mich traf, das Leben nehmen.

Trotzdem waren diese Phasen aber bei weitem nicht so schlimm wie die Momente der Wut und Aggression, in denen ich einmal fast meine Frau geschlagen hätte. Mit der Faust! Wegen nichts! Ich rastete völlig aus und stand, zitternd vor Wut, mit geballten Fäusten vor ihr. Wer mich kennt weiss wie abwegig und weit weg so ein Verhalten von meiner normalen Persönlichkeit ist. Das Loch, in das ich fiel, schien keinen Boden zu haben.

Dazu kam noch eine enorme Antriebslosigkeit und der Verlust der Motivation, überhaupt irgend etwas zu machen!

Gegen alle diese Emotionen ist man machtlos! Man wird von ihnen überschwemmt und mitgerissen, so dass man sich ständig in einem Sog befinden zu scheint. Dazu kommt noch die Reaktion des Umfelds, von Empathie und Anteilnahme bis hin zu offenem Unverständnis und Ungläubigkeit ist alles dabei. Ich will das Thema aber gar nicht weg ignorieren! Ich weiss dass auch gerade viele Männer davon betroffen sind, die nicht offen damit umgehen können/wollen.

“Um ehrlich zu sein interessiert es mich einen feuchten Scheißdreck wie es IHNEN geht und ob Sie selbst mal einen schlechten Tag im Leben für sich als Depression abgestempelt hatten. Es war keine, also hören Sie auf mir unsinnige Ratschläge wie “Reiß’ Dich mal zusammen” oder “Sieh’ die Dinge mal positiver, das hat mir auch geholfen” zu geben. Dankeschön!”

Wissen Sie, ich sehe das so: Ich bin krank, ich funktioniere nicht richtig. Wie, sagen wir, ein Auto. Und damit das wieder läuft brauche ich externe Hilfe von einem Fachmann (Oder einer Fachfrau). Eben wie bei einem Auto, das in die Werkstatt muss. Ursachen müssen gefunden und Lösungen müssen erarbeitet werden. Punkt. Diese pragmatische Denkweise hilft mir enorm und hält mich davon ab meine Depression zu dramatisieren. Es versteht sich von selbst das die Unterstützung meiner Frau, die logischerweise unter dieser ganzen Geschichte mitleidet, absolut essentiell ist. Ohne ihre Hilfe wäre ich komplett weggebrochen!

Zur Zeit

Momentan habe ich den Punkt erreicht, der bei einer depressiven Episode (oder Männerdepression) unausweichlich erscheint: Ich bekomme völlig irrationale Angst- und Panikattacken bis hin zur Atemnot und habe massive Schlafstörungen. Phasenweise musste ich mich regelrecht zwingen in die Duschkabine zu steigen weil ich plötzlich Platzangst bekam. Stellen Sie sich das einmal vor! Das Schlimmste, was man in diesen Fällen tun kann, ist diese Situationen zu vermeiden. Und das ist auch mein Rat: Stellen Sie sich der Situation, egal wie beschissen das auch sein mag! Ich zwang mich zweimal täglich unter die Dusche, damit ich sehen konnte das ich weder ersticken musste oder ohnmächtig werden würde!

Ein Gutes hat diese ganze Geschichte dennoch: Ich war gezwungen mein Leben neu zu bewerten und meine Prioritäten neu zu setzen. Endlich Sport zu treiben (Primär für die Birne, nicht für die Plauze!). Ohne die tägliche Routine des Hamsterrads habe ich auch wieder einen Blick für die Dinge gewonnen, die mir tatsächlich wichtig sind. Und die ich erreichen will. Das gibt Hoffnung, die mir beim bekämpfen meiner Depression nützlich ist. Denn eines darf man nicht vergessen: Depression ist eine Krankheit und somit auch behandelbar!

Mittlerweile mache ich auch eine Verhaltenstherapie, bei der ich sogar Dinge über mich erfahre, die ich vor her so nicht im Blick hatte. Die Sache ist noch nicht vorbei. Aber eines sage ich Ihnen: Wenn ich aus dieser Geschichte wieder rauskomme -und das werde ich- dann trete ich die Stelle als nordischer Gott des Donners an. Denn dann sieht selbst Thor neben mir wie eine Muschi aus!

Ich würde mich freuen, wenn du mich unten in den Kommentaren deine Meinung oder deine Erlebnisse zum Thema Depression wissen lassen würdest.

Herzlichst,  Euer Thilo Heffen

Thilo Heffen
Über Thilo Heffen 3 Artikel
"Thilo Heffen ist Journalist und Blogger. Neben der Arbeit für verschiedene Zeitungen und Magazine betreibt er die Seite EXIMUM, die sich an Männer 35+ richtet und auf der er und ein Team aus Autoren interessante Themen aus allen Bereichen des Männerlebens aufgreifen.

Er steht offen zu seiner depressiven Erkrankung und seinem Übergewicht, der Sucht nach gutem Espresso (Am liebsten traditionell zubereitet - Mit Kocher und Zeit) und möchte unbedingt einmal in seinem Leben von der Ladekante einer Lockheed C-130 ins Wolkenmeer springen. Mit Fallschirm natürlich..."
www.eximum.de

5 Kommentare

  1. Hey Thilo, sehr cool das du den Mund aufmachst und einfach ehrlich darüber schreibt’s. Mich hat es 2015 erwischt. Als ich auf der Toilette heulend zusammenbrach, wusste ich auch, dass dies wohl nicht einfach nur mehr ein wenig Stress wahr. Seitdem ist viel gegangen. Ich habe meine ganze Scheisse aufgearbeitet und helfe jetzt andere Männer dasselbe zu tun. Viele Männer realisieren noch nicht, was da auf sie zukommt. Darum ist jede persönliche Geschichte wichtig. Herzlichst Roman

    • Hi Roman,

      ich danke Dir! Wir Männer reden nicht darüber und ich war erstaunt, wieviel Feedback ich aufgrund des Artikels bekam. Schön zu hören dass Du es gepackt hast! Ich werde -zu einem späteren Zeitpunkt- in einem zweiten Teil meine Erfahrungen und Schlussfolgerungen bis zum heutigen Tag folgen lassen.

      Viel Glück für die Zukunft,

      Thilo

    • Hi Michael,

      Du hast recht: Es kann jeden treffen. Ich dachte nie, dass ich einer derjenigen sein könnte, die es so von den Füßen holt. Nicht mit meiner Biographie, den Erlebnissen und der beruflichen Position. Aber siehe da: Ich wurde eins Besseren belehrt! Und deshalb sollte jeder Mann auf sich achten und in sich hineinhören, um die ersten Anzeichen zu erkennen.

      Ich hoffe, Du machst nicht diese Erfahrung!

      Alles Gute,

      Thilo

      • Bis jetzt -Gott sei Dank- nicht. Ich habe aber einige Bekannte, die unter dieser Erkrankung leiden. Es freut micht, dass es dir besser geht. Bin gespannt auf den zweiten Teil.

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