Archetypen und ihre Bedeutung für unsere Entwicklung | Teil 1 Der Heiler

Erkenne und nutze deine Möglichkeiten.

Im Rahmen einer Initiation kommst Du selbstverständlich mit den männlichen Archetypen in Kontakt. Die Arbeit mit ihnen ist ein zentraler Bestandteil dabei. Archetypen sind Elemente des kollektiven Unbewussten und Wirklichkeiten unserer Seele. Sie sind mit verschiedenen Qualitäten verbunden und gekennzeichnet durch ein Spannungsfeld, in dem das Leben uns bewegt sowie einen Essenzaspekt. Essenzaspekte sind ebenfalls  Wirklichkeiten unserer Seele und unabhängig von äusseren Bedingungen jederzeit erfahrbar.

Oft haben wir allerdings den Kontakt dazu verloren, so dass es Teil der Initiationsarbeit ist, den Zugang dazu wiederherzustellen. Archetypen bringen wir in dieses Leben mit. Sie sind einfach alle da und wir brauchen für ihre Existenz nichts zu tun. Per se sind sie neutral und wirken unabhängig davon, ob wir uns ihrer bewusst sind oder nicht. Da die männliche Psyche sehr komplex ist, nutze ich eine Erweiterung der klassischen vier Archetypen Krieger, Liebhaber, Magier und König. Daraus ergeben sich die nachstehenden Archetypen:

  • Heiler
  • Vater
  • Wilder Mann
  • Krieger
  • Liebhaber
  • Mystiker
  • König

Diese Auflistung entspricht auch der Reihenfolge in der ich mit ihnen arbeite und somit sieben Initiationsabschnitten.

Die mit den Archetypen verbundenen Qualitäten können wir sowohl positiv als auch negativ entwickeln. Anzustreben ist natürlich die positive Entwicklung, da nur sie uns dabei unterstützt, ganz zu werden und in unsere männliche Kraft zu kommen. Entwickeln wir sie in die gegenteilige Richtung, leben wir deren Schattenaspekte.

Im folgenden beschreibe ich den Archetyp des Heilers detailliert. Artikel über die weiteren Archetypen werden folgen.

Heiler

Spannungsfeld: Verletzt sein – Ganz sein
Essenzaspekt: Mitgefühl

Die Wunde

In unserer frühen Kindheit erhalten wir unsere wesentlichen Prägungen und seelisch/emotionalen Verletzungen. Aufgrund von Forschungen und den Erkenntnissen der Psychologie dürfen wir davon ausgehen, dass dies in den ersten sieben Lebensjahren geschieht, wobei vieles auch bereits in sehr frühen Jahren und teilweise sogar im Mutterleib passiert. Doch selbst in der Frühphase der Adoleszenz kommt es noch zu Verletzungen. Diese Prägungen und Verletzungen, die ich zusammenfassend als Wunde bezeichne, haben zu Verhaltensmustern und Glaubenssätzen geführt, die zur Zeit ihrer Entstehung absolut richtig und teilweise sogar überlebenswichtig waren.

Für erwachsene Männer sind sie jedoch häufig nicht mehr angemessen und behindern oft unsere Entwicklung oder schränken sogar unsere Lebensqualität ein. Im Laufe des Lebens haben wir unsere Wunde überformt, indem wir eine Ich-Struktur darüber setzten, also Persönlichkeit und Charakter entwickelten, damit wir im Alltag zurechtkommen. Diese Struktur wird auch als Ego bezeichnet.

Die Unvermeidbarkeit der Wunde

Laut Rochat beginnen wir erst im Alter von etwa 1,5 – 2 Jahren, während der sogenannten Identifikationsphase, eine Selbstwahrnehmung (Ich-Bewusstsein) zu entwickeln: „Ich bin ich selber“. Das ist die Erkenntnis, dass das Selbst sich von der Umwelt unterscheidet, also eigenständig ist. Erst in dieser Lebensphase können wir die Bedeutung des Wortes „Ich“ langsam verstehen und fangen an, es für uns zu verwenden. Dann beginnt auch das Auftreten selbstbezogener Emotionen wie Stolz und Scham (Rochat, P.: Five Levels of self-awareness as they unfold early in life. Counsciousness and Cognition 12 (2003) S. 717-731).

Bis zum Einsetzen der Identifikationsphase und während der Zeit im Mutterleib fühlen wir uns noch völlig eins mit der Mutter. So sind wir auch nicht in der Lage, zwischen ihren Gefühlen und unseren eigenen zu unterscheiden. Hat deine Mutter, während sie mit dir schwanger war, beispielsweise eine Situation erlebt, in der sie sich wertlos und nicht willkommen fühlte, hast Du diese Gefühle unbewusst zu deinen eigenen gemacht und sie auf deinem weiteren Lebensweg höchstwahrscheinlich als Glaubenssatz mitgenommen. Dies verdeutlicht, dass wir Verletzungen nicht verhindern können. Ganz häufig kommen sie aus unserem nahen Umfeld.

Das Ego

Ursprünglich hat der Mensch im Rahmen seiner Evolution das Ego erhalten, damit er in der Lage ist, sich als Subjekt, also ein mit Bewusstsein ausgestattetes, denkendes, erkennendes und handelndes Wesen zu begreifen, dafür zu sorgen, dass er Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf hat sowie sich nicht leichtfertig in Lebensgefahr zu begeben. Das Ego ist in uns bei der Geburt angelegt.

In der Lebensphase der Kindheit haben wir meistens noch das Gefühl der eigenen Grossartigkeit und unbegrenzter Möglichkeiten. Vielleicht hast Du dich als kleiner Prinz gefühlt. Selbst in der Jugend ist oftmals noch etwas davon übrig. Wenn wir jedoch verletzt werden und bildlich gesprochen am Boden liegen, lässt sich das nicht mit der Vorstellung vom Prinzendasein vereinbaren.

Im Alltag werden sehr viele erwachsene Menschen auf verschiedenen Ebenen immer wieder mit den gleichen Situationen konfrontiert, welche sie als Probleme bezeichnen und verwenden viel Energie auf den Versuch, diese zu lösen oder irgendwie damit klarzukommen ohne sich zu fragen oder zu erkennen, welche Muster und Ursachen denselben zugrunde liegen. Dies gilt für alle Lebensbereiche. Lass mich konkreter werden, indem ich einige Beispiele anführe.

  • Deine Freundin sagt etwas bestimmtes und Du reagierst sofort mit heftiger Wut.
  • Dein Chef kritisiert dich und Du fühlst dich sofort klein und schwach.
  • Deine Mutter sagt: „Jetzt benimmst Du dich genau wie dein Vater“ und Du fühlst dich schuldig.
  • Du hast zum wiederholten Male etwas getan, um die Anerkennung deines Vaters zu bekommen. Diese bleibt jedoch wie immer aus und Du bist kurz davor, zu verzweifeln.

In den Momenten, wo Du so etwas erlebst, bist Du mit deiner Wunde in Kontakt, was durchaus sehr schmerzhaft sein kann. Nicht initiierte Männer neigen deshalb dazu, ihrer Wunde auszuweichen und sie zu verstecken. Durchaus übliche Verhaltensweisen sind:

  1. Der Versuch der Kompensation durch einschlagen des narzisstischen Weges indem du alles tust, um dich über deine Wunde zu erheben und einfach grossartig zu sein.
  2. Du gehst in Depression und führst ein Leben im Opferdasein mit Verletzung und Scham.
  3. Du verfällst in Lähmung und zeigst ein roboterhaftes Verhalten mit Betäubtheit, nahezu ohne Affekte, führst quasi ein Automatendasein.

Durch Konditionierung wurde unser Ego seit sehr vielen Generation dahingehend manipuliert und verstärkt, dass wir heute von einem „veränderten“ Ego sprechen können, welches durch viele Aspekte, die je nach Mensch ganz individuell sind, geprägt ist. Beispiele dafür sind Materialismus in jeglicher Form, Besitzdenken, Statusdenken, Karriere, funktionieren müssen und Selbstdarstellung. Hinzu kommt, dass Werbung uns suggeriert, wir könnten im Leben alles erreichen, wenn wir es nur wollen und genug Einsatz dafür bringen. Letzteres ist ein schwerwiegender Irrtum, der bereits viele Menschen krank gemacht hat und dies immer noch tut. Sei dir bewusst, dass Scheitern zum Leben dazugehört!

Dieses veränderte Ego, also die Struktur, hat dazu geführt, dass viele Menschen und wahrscheinlich insbesondere Männer den Kontakt zu sich selbst und ihren tiefen inneren Bedürfnissen verloren haben. Es gibt drei Dinge, die das Ego überhaupt nicht mag und deshalb versucht zu verhindern, wobei es sehr trickreich sein kann:

  • Schmerz
  • Veränderung
  • Sterben

Somit erschwert das Ego es dir, dich selbst zu erkennen, so wie ich es in meinem Artikel über Initiation ausführlich beschrieben habe und deine Wunde bewusst wahrzunehmen.

Förderliche Verhaltensmuster

Auf dem Weg zu dir selbst ist es wichtig, falsche Glaubenssätze und schädliche Verhaltensmuster sowie unfrei machende Abhängigkeiten zu erkennen und zu transformieren. Dazu benötigst Du einen Mentor und den Kreis der Männer, damit Du aufgefangen wirst, wenn Ängste dich zu übermannen drohen. Hierbei brauchst Du auch Geduld und Mitgefühl mit dir selbst. Das folgende Gedicht „Autobiographie in fünf Kapiteln“ von Sogyal Rinpoche aus dem Tibetischen Buch vom Leben und vom Sterben verdeutlicht dies sehr gut.

1) Ich gehe die Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein.
Ich bin verloren…Ich bin ohne Hoffnung.
Es ist nicht meine Schuld.
Es dauert endlos, wieder herauszukommen.

2) Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich tue so, als sähe ich es nicht.
Ich falle wieder hinein.
Ich kann nicht glauben, schon wieder am gleichen Ort zu sein.
Aber es ist nicht meine Schuld.
Immer noch dauert es sehr lange, herauszukommen.

3) Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es.
Ich falle immer noch hinein…aus Gewohnheit.
Meine Augen sind offen.
Ich weiß, wo ich bin.
Es ist meine eigene Schuld.
Ich komme sofort heraus.

4) Ich gehe dieselbe Strasse entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe darum herum.

5) Ich gehe eine andere Strasse.

Das Geschenk der Wunde

Wenn Du eine Initiation durchläufst, wirst Du herausgefordert, dich der eigenen Wunde zu stellen, also die Tatsache anzuerkennen, dass Du ein verletzter Mann bist und deine eigene Verletzlichkeit zu akzeptieren.

Verletzung ist überall. Jeder Mensch ist verletzt, jeder Mann und jede Frau, alles ist verletzt, es gibt keine Ausnahmen, wir brauchen uns nur umzuschauen. Wenn Du mit offenen Sinnen durch die Welt gehst, triffst Du überall auf das Prinzip der Wunde. Es ist wie ein Ur-Prinzip, wie eine Wunde, die in allem erscheint.

Oft sind Männer sich ihrer eigenen Wunde gar nicht bewusst oder versuchen, sie zu verbergen, damit niemand sie sieht. Wenn Du deiner Wunde bewusst oder reflexhaft ausweichst, bleibst Du ihr jedoch verhaftet. Dieses Anhaften wird dich niemals in deine männliche Kraft bringen, da es dich in Abhängigkeit von der Wunde hält. Wenn Du in deine männlich Kraft kommen willst, ist es unabdingbar, als erstes deine Wunde zu dir zu nehmen und sie zu erforschen, damit sie nach und nach heilen kann. Du musst die bedingungslose Verantwortung für den Umgang mit deinen Verletzungen übernehmen! Dort wo deine grösste Verletzung ist, liegt auch dein grösstes Potential. Robert Bly, ein Pionier der Männerarbeit in den USA, hat es einmal sehr treffend ausgedrückt: „Nicht durch unsere grossartigen Siege und Erfolge, sondern durch das kleine Loch der Wunde dringt das gewaltige Reich der Seele ein“.

Diese Aussage kann ich aus eigener Erfahrung ohne jegliche Einschränkung bestätigen. Als Mann solltest Du deine Wunde als ein Geschenk des Lebens betrachten, welches dir die Tür zur Entwicklung deines vollen Potentials öffnet und dich somit auch wieder mit der in dir angelegten Grossartigkeit in Verbindung bringt.

Wenn Du deine Wunde erforscht, wirst Du auch mit deinem inneren Kind samt seinen Nöten und Ängsten in Berührung kommen, denn das ist der Teil von dir, der verletzt wurde und im Mangel ist. Des weiteren wirst Du feststellen, dass Verletzt-Sein nicht auf dich begrenzt ist, sondern auch eine überpersönliche, universelle Komponente hat. Die Erforschung der Wunde fördert neben der Heilung auch die Entwicklung von Empfindsamkeit, Offenheit und Mitgefühl. Es geht nicht darum, die Wunde schnell heilen oder wegmachen zu wollen. Das ist weder möglich noch für deine Entwicklung sinnvoll  und ginge an der Lebenswirklichkeit vorbei.

In der Asche

Meine Erfahrung zeigt, dass viele Männer erst in eine Lebenskrise geraten müssen, um sich auf den Weg zu sich selbst zu machen. Krisen sind sehr heilsam und beinhalten die Möglichkeit zu Wachstum. Mir selbst ist es nicht anders ergangen. Ich habe mich erst in meinem Informatikjob völlig verausgabt und war am Ende meiner Kräfte, bevor ich schliesslich mit Hilfe anderer Männer den Weg zu mir selbst fand. Ich bin, wie alle Männer, die sich auf den Weg zu sich selbst machen, an meinen Strukturen gescheitert, fand mich in einer schweren Lebenskrise wieder und war damit mythologisch gesprochen in der Asche. Das hat mich motiviert, mein Leben grundlegend zu verändern.

Ich habe letztendlich gelernt, dass das Leben immer für uns ist und sich nie gegen uns richtet, auch wenn wir Situationen erleben können, in denen wir das Gefühl haben, es sei anders.

Die Schattenseite des Heilers

Verleugnest Du deine Wunde und lehnst deine eigene Verletzbarkeit ab, wirst Du nicht in deine Männliche Kraft kommen. Alles, was Du dann als vermeintlich männliches Gebaren an den Tag legst, wird oberflächlich bleiben und oft auch pubertär wirken oder machohafte bis hin zu barbarenhaften Zügen haben. Weitere Verhaltensweisen, die Du möglicherweise zeigst, sind Selbstmitleid, verharren in einer Opferhaltung und Resignation vor den Herausforderungen des Lebens. Dazu kommt die Unfähigkeit oder Unwilligkeit zu Mitgefühl.

Lass mich an dieser Stelle noch erwähnen, dass auch Männer, die ein sogenanntes Helfersyndrom haben, Gefahr laufen, ihre Wunde zu verleugnen und sie nicht zu erforschen, weil die permanente Beschäftigung mit den Problemen anderer Menschen ausgezeichnet vom eigenen Leben ablenkt.

Wilhelm Breßer
Über Wilhelm Breßer 4 Artikel
Wilhelm Breßer, Jahrgang 1956, ist Gründer und Inhaber der Maheo-Männerakademie (www.maheo.de) sowie von Maheo – Institut für Ganzheitliches Leben (www.maheo.de) in Hennef.

Wilhelm lebt mit seiner Ehefrau und ihren Tieren (2 Pferde, 1 Kater) am Rande des Westerwaldes auf einem wunderschönen natureingebundenen Platz mit Selbstversorgergarten.

Heute arbeitet er als Mentor und Ganzheitlicher Berater für Menschen, vor allem für Männer. In der Männerarbeit ist er seit über 10 Jahren aktiv. Das Leben hat ihn auf teilweise verschlungenen Pfaden und über Krisen dahin geführt, dies heute zu machen, denn es ist das, was er als seine Berufung und seine Seelenaufgabe versteht, wonach sein Herz schreit. Wilhelm ist für seine Lebenskrisen dankbar, denn sonst wäre er heute nicht dort, wo er jetzt ist. Sie haben ihn unter anderem dahin geführt, seine männliche Identität und seine Vision zu finden und diese heute aus vollem Herzen zu leben.

Tätigkeitsschwerpunkte:
• Männerinitiationen
• Männergruppen
• Schwitzhüttenzeremonien für Männer und Frauen
• Medizinradarbeit

„Es ist mir ein Herzensanliegen, die seelisch/geistige Entwicklung von Männern zu fördern.“

Weitere Profile von mir im Internet:
YouTube-Kanal: Maheo-Männerakademie
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