Warum ich Männer initiiere

Ein sehr persönlicher Bericht von Jens Natzschka

Foto: Unsplash | Thomas Kelley

Lass mich Dir meine Geschichte erzählen:

Ich war Mitte 20 und ich hatte es geschafft.

Ich hatte alles
Ich hatte einen Hochschulabschluss.
Ich hatte einen sehr gut bezahlten Job.
Ich hatte eine attraktive Freundin.
Ich hatte ein teures Auto.
Ich hatte ein eigenes Haus.
Ich hatte sogar einen Hund.

Ich hatte alles, was mich – wenn ich meinen Eltern, meinen Freunden, der Gesellschaft, den Medien Glauben schenkte – glücklich und zufrieden machen sollte.

Doch irgendetwas stimmte nicht: ich war totunglücklich.

Ich hasste es, morgens aufzustehen, in mein nicht abbezahltes Auto zu steigen und zu meinem Job zu fahren, der mich nicht erfüllte.

Ich hasste es, übermüdet nach Hause zu kommen und mich meiner gereizten Freundin zu stellen, die wegen diesem oder jenem mal wieder durch die Decke gegangen war. Liebevoller Umgang? Fehlanzeige!

Ich schlief schlecht bei dem Gedanken, dass ich um die Schulden für Haus und Auto und mein viel zu teures Leben die nächsten 20 Jahre ein Sklave der Bank sein sollte.

Auch ein soziales Umfeld hatte ich nicht, denn nach dem Umzug in das neue Haus war ich viel zu sehr damit beschäftigt zu Arbeiten und in meiner Freizeit das Haus auf Vordermann zu bringen.

Ich war nervös, ich war traurig, ich war gereizt. Meine Verpflichtungen lasteten so schwer auf mir, dass ich nicht mehr weiterwusste.

Und dann brach alles zusammen
Ich kann mich immer noch gut an den Moment erinnern, als meine Freundin an einem Abend im August neben mir im Bett lag und sagte: „Du, wir müssen reden.“ Sie hatte ihren Satz kaum beendet, da begann sich in mir mein Magen zu verkrampfen. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein ganzer Körper fing an zu zittern.

Ich wusste was kommen würde. Ich hatte es die letzten Monate immer wieder gespürt, aber ich wollte es nicht wahrhaben.

„Ich bin mir mit uns nicht mehr so sicher“, sprach sie.

Mir war zum Schreien zumute. Ich wollte in Tränen ausbrechen. Aber ich blieb stumm.

Ein paar Wochen später zog sie aus, zu ihrem neuen Freund, mit dem sie bereits mehrere Monate zuvor eine Affäre angefangen hatte.

Und da stand ich, ganz allein in meinem großen Haus, mit meinem teuren Auto und meinem Job den ich hasste. Ich war am Boden.

Ich fiel in ein tiefes Loch
Von einem Tag auf den anderen wurde mir meine Identität unter den Füßen weggezogen. Der Mann, der ich glaubte zu sein, existierte plötzlich nicht mehr.

Ich stürzte in eine Sinnkrise.

Äußerlich lies ich mir nichts anmerken, im Büro scherzte ich weiter mit den Kollegen und auf ein „Na, wie geht’s?“ hatte ich immer ein gelogenes „Super, bestens!“ parat.

Innerlich war ich verloren. Rastlos. Planlos. Ruhelos.

Soll das schon wirklich alles gewesen sein?
Wer bin ich?
Was soll ich hier auf der Welt?
Wer bin ich als Mensch? Als Mann?

Diese Fragen stelle ich mir, und ich wusste keine Antworten.

Wenn Dir ein Mann die Hand reicht
Nachdem ich mehrere Wochen einsam mit mir und meinem Chaos an Gefühlen versackte, wurde mir klar, dass es so nicht weitergehen konnte.

Ich rief einen alten Bekannten an, den ich schon Jahre nicht mehr gesehen hatte und lud ihn auf ein Bier ein.

Als ich ihm meine Geschichte erzählte sagte er: „Weißt du Jens, ich hab‘ da so einen Workshop für Männer gemacht, vielleicht wäre das auch was für Dich.“

Ich weiß nicht mehr warum, ich weiß nur, dass in dem Moment klar wurde, dass ich das machen musste.
Mich mit meiner Männlichkeit und meinem Leben als Mann widmen.

Zufälligerweise (nun, eigentlich glaube ich nicht an Zufälle) kannte ich einen Mann, der mir mal erzählt hatte, dass er eine Männergruppe leitete. Ich rief ihn an und eine Woche später war ich dabei.

Ein Kreis authentischer Männer
Ich war fassungslos. Bewegt. Gerührt.

Ich wusste nicht was mich erwartete, aber damit hätte ich nie gerechnet.

Ein Kreis aus Männern, die so kraftvoll und so authentisch waren.
Männer, die Gefühle zuließen, die von Herzen sprachen und ihre Freude, ihre Trauer, ihre Wut und ihre Ängste zeigten.
Und die mich ganz selbstverständlich annahmen, akzeptieren, aufnahmen in ihren Kreis.

Ich wusste plötzlich, dass ich etwas gefunden hatte, wonach ich mein Leben lang gesucht hatte.

„Uns alle verbindet eine gemeinsame Erfahrung: die Initiation ins Mannsein“, sagte einer der Männer.

Meine Initiation
Er erklärte mir: „Initationsrituale sind so alt wie die Menschheit selbst. In traditionellen Kulturen markieren sie den Übergang des Jungen zum Erwachsenen.
Ein Junge lernt darin was es bedeutet ein Mann zu sein, Verantwortung für sich und sein Handeln und für seine Gemeinschaft zu übernehmen.
Er wird sich Herausforderungen stellen müssen, die er so noch nie erlebt hat. Und er wird gestärkt daraus hervorgehen.
Er lernt ehrlich und authentisch zu sein, sich mit all dem was ihn ausmacht zu zeigen, seinen starken und auch seinen Schattenseiten.“

Und ich wusste, dass ich das auch wollte. Ich wollte so ein Mann sein.

Ich meldete mich an, zum New Warrior Training Adventure (kurz: NWTA).
Ich wusste wieder nicht, worauf ich mich einlassen würde. Ich wusste nur, dass ich es wollte.
Und so packte ich meinen Rucksack und fuhr los.

48 Stunden, die mein Leben verändern würden
Als ich am Sonntag nach dem NWTA nach Hause fuhr, war ich nicht mehr derselbe Mann.
Nichts war mehr gleich.

Es war, als wäre ein Panzer aufgebrochen worden.
Ich hatte tief in meine Abgründe geschaut und etwas gefunden, von dem ich nicht mehr wusste, dass es da war – meine Männlichkeit. Und ich konnte mir wieder erlauben, Gefühle zu zeigen.

Zuhause angekommen wusste ich sofort was ich tun musste:
Meine damals neue Freundin, mit der ich seit ein paar Wochen zusammen war, erwartete mich schon.
Sie öffnete die Tür, ich sah die Anspannung auf ihrem Gesicht.
Sie wusste, dass mich das Wochenende verändern würde und wusste nicht, ob sie das gut oder schlecht finden sollte.

Ich schaute ihr tief in die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und sagte zum allerersten Mal:
„Ich liebe Dich!“.
Wir küssten uns so innig wie nie zuvor.

Ich führe heute die beste, kraftvollste Beziehung meines ganzen Lebens.
Ehrlich, authentisch und auf Augenhöhe.
Keine Manipulation, keine Spielchen.
Echte und liebevolle Kommunikation.

Und ich gehe beruflich neue Wege.
Ich habe mich selbstständig gemacht um wirklich etwas zu bewegen in der Welt.
Um meine Mission als Mann zu leben.

Das Geschenk weitergeben
In den Stammesgesellschaften haben die Männer die Jungen ins Mannsein initiiert.
Als initiierter Mann habe ich aber nicht nur das Recht, sondern für mein Verständnis auch die Pflicht, das Geschenk der Initiation weiter zu geben.

Die Welt ist voll von großen, verletzten Jungs. „Männer“, die lügen und betrügen, die andere und sich selbst hintergehen. Die unehrlich und unauthentisch sind. Die Angst haben, dass ihre Egos einen Kratzer bekommen.

Die Welt kann solche Männer nicht mehr gebrauchen.

Wir brauchen Männer, die für sich und ihre Familien einstehen.
Männer, die sich mit all ihren Gefühlen zeigen.
Männer, die eine Mission haben und die Gutes in die Welt bringen wollen.
Männer, die Risiken eingehen, um eine Welt zu erschaffen, die ihnen lebenswert erscheint.

Ich möchte eine Welt voll solcher Männer sehen.
Und darum ist es mir eine Ehre und eine Pflicht, Männer ins Mannsein zu initiieren.

Jens Natzschka
Über Jens Natzschka 1 Artikel

Seit Jahren ist Jens in der Männerarbeit, unter anderem beim internationalen „Mankind Project“ aktiv.

Als Wildnislehrer lehrt er in seinem Unternehmen „Werde Wild!“ Männer (und Frauen!), wie sie in der Wildnis (über-)leben und zu einer tieferen Verbindung mit sich und ihrer Natur zu gelangen.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Share This