Initiation – der Weg ein ganzer Mann zu werden

Warum sie für Männer gut ist.

Foto: Robert Herschler

„Dass etwas Unglaubliches passiert sein musste, habe ich gleich gemerkt, als ich meinem Vater gegenüber stand.“ Die Augen von Ronny Ringo strahlen, als er sich erinnert: „Ich konnte plötzlich richtig Liebe empfinden für ihn. Das hat mich fast umgehauen.“

Es war keine langwierige Therapie, der der 40jährige Forstwirt aus Wiesbaden diese außergewöhnliche Erfahrung zu verdanken hat, sondern einem einmaligen Wochenend-Erlebnis an einem abgelegenen Ort in Deutschland: Ronny Ringo wurde von anderen Männern initiiert.

Was aber ist eine Initiation? Und warum unterziehen sich immer mehr erwachsene Männer des 21. Jahrhunderts wohl gehüteten Ritualen und Prozessen fernab von ihrem gewohnten Umfeld und oftmals ohne genau zu wissen, worauf sie sich eigentlich einlassen?

Menschheitsgeschichtlich betrachtet hat die Initiation ihre Wurzeln sehr wahrscheinlich in der Zeit der Jäger und Sammler. Sie bestand aus einer Abfolge von Ritualen und Prüfungen, die die Jugendlichen im Kreis von erfahrenen Kriegern bis an ihre Grenzen und darüber hinaus führten. Nach dem Bestehen dieser Herausforderungen kehrten die ehemaligen Kinder als vollwertige Männer in die Gemeinschaft zurück.

Diese archaische Form der Initiation gibt es heute noch in den wenigen und entlegenen Teilen der Welt, die von unserer westlich geprägten Kultur noch einigermaßen unberührt geblieben sind. Bei uns finden wir in der Religion noch Überbleibsel von Übergangsritualen, zum Beispiel in Form der Kommunion oder Konfirmation. Manchmal versuchen Jugendliche mangels Alternative durch Mutproben oder kriminelle Akte auf gewaltsamen Weg den Eintritt in die Erwachsenenwelt zu erhalten. Aber diesen Bemühungen fehlt die Kraft der urtümlichen Initiation, weil der Kontext verloren gegangen ist und wir vergessen haben, welche Bedeutung sie hat.

So befinden sich viele Männer spätestens seit Beginn der Frauen-Emanzipations-Bewegung in einer langanhaltenden Phase der Verunsicherung und Neuorientierung. Zwischen den Klischees von Weichei, Macho und Karrierist stellt sich wahrscheinlich jeder einigermaßen selbstreflektierte Mann irgendwann einmal die Fragen: Wer bin ich eigentlich wirklich, wo komme ich her und was will ich überhaupt? Die Antworten darauf können auf vielen Wegen gefunden werden. Die Initiation ist einer davon, ein ganz besonderer allerdings.

Männer wie Steven Foster (Mitentwickler von Visionssuchen), Robert Bly (Autor des Buches „Eisenhans„) oder Bill Kauth (Mitgründer des ManKind Project) erkannten dieses Manko und begannen in den 80er Jahre des letzten Jahrhunderts in verschiedener Weise darüber nachzudenken, wie diesem Fehlen von Übergangsritualen entgegenzuwirken sei. Im Resultat entstanden zunächst in den USA, dann später in Europa und schließlich weltweit Organisationen und Kreise, in deren Rahmen es wieder möglich ist, dieses kostbare Gut des Übergangs in Form zum Beispiel einer Initiation oder eines Vision-Quests nachzuholen. Innerhalb dieser Erlebnisräume wurde es möglich das alte und teilweise vergessene Wissen um die Übergänge vom Junge-Sein zum Mann-Sein wieder bewusst zu machen und den Männern damit zu helfen wieder Zugang zu ihrer ihnen innewohnenden, natürlichen Kraft und Integrität zu finden.

Thomas 55, Strafverteidiger und passionierter Musiker aus Frankfurt, leitet seit sieben Jahren Initiationswochenenden für das Mankind Project, einer international agierenden Organisation. Er resümiert im Rahmen eines Interviews über seine eigene Initiation, die er 1997 in Großbritannien erlebte: „Ich bin total blockiert da hingekommen, habe wie ein Ochse dagegen gehalten und plötzlich, da war alles anders. Und das ist ja auch der Sinn von Initiation: dass ich erst vollkommen absteige, bis an den tiefsten Punkt, dort erlöst werde und dann wieder aufsteige, als einer, der sein Leben neu beginnt.“

Heute müssen dafür glücklicherweise keine Löwen mehr bezwungen werden. Die moderne Initiation verwandelt die Schattenbereiche eines Mannes mit Hilfe innerer Reisen, Prozessarbeit und gemeinsamen Ritualen gleich einem alchemistischen Prozess in seine ureigensten Potentiale.

Als der Bruder von Ronny Ringo dessen Veränderung schließlich hautnah miterlebt, kündigte er gleich an: „Wo du warst, da will ich auch hin!“ Jetzt gilt auch für ihn: die Reise geht weiter.

Robert Herschler
Über Robert Herschler 1 Artikel

Robert Herschler ist seit Jahren ehrenamtlich u.a. auch als Vorstand im Verein „Kreis der Männer- MKP Deutschland e.V.“ tätig.

Hauptberufliche bereichert er seine Kunden mit tollen Fotos. :-)

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