Ältester sein.

Mein Selbstverständnis als bewusst älter werdender Mann.

Foto: Unsplash | aziz-acharki

Hier kannst du Teil 2 lesen ->

Statt eines Vorworts:

Segen eines Ältesten
An dem Tag, an dem
die Last auf deinen Schultern
unerträglich wird
und du strauchelst,
möge die Erde tanzen,
dir das Gleichgewicht wiederzugeben.

Und wenn deine Augen
hinterm grauen Fenster
zu Eis erstarren
und das Gespenst des Verlusts
sich in dich einschleicht,
möge ein Schwarm von Farben,
Tiefblau, Rot, Grün
und Azur, herbeikommen,
dich auf einer Au der Freude
aufzuwecken.

Wenn die Leinwand
des Bootes deines Denkens
spröde wird
und ein Fleck Ozean
schwarz unter dir wächst,
möge ein Pfad gelben Mondlichts
sich über die Wellen legen
und dich sicher ans Ufer führen. 

Möge die Nahrung der Erde dein sein,
möge die Klarheit des Lichts dein sein,
möge die Flüssigkeit des Ozeans dein sein,
möge der Schutz der Ahnen dein sein.

 Und möge ein
sanfter Wind diese Worte
der Liebe um dich schmiegen,
wie einen unsichtbaren Mantel,
der dein Leben behüten soll.

Diesen Segen habe ich dem Buch „Anam Cara“ von John O´Donohue entnommen, einem Buch über die Weisheit der Kelten. Die Poesie dieser Segensworte hat mich tief berührt. Vor allem deshalb, weil sie über die  Jahrtausende und Jahrhunderte technologischer und gesellschaftlich-kultureller Entwicklung hinweg – zumindest was unseren Kontinent anbelangt – nichts an Wahrheit über unser stets gefährdetes und immer wieder auch bedrohtes Menschsein eingebüßt haben.

Sie bilden den Tenor meiner Ausführungen über mein Selbstverständnis als bewusst älter werdender Mann, der schon längere Zeit auf seinem Weg ist, ein wahrer Ältester im eigenen Leben zu werden.

Ich habe meine Ausführungen in vier gedankliche Schritte gegliedert:

  • Älterwerden als Lebensgesetz
  • Bewusstes Älterwerden als inneres Wachsen
  • Inneres Wachsen als Sinn des Weges zum Ältesten
  • Einladung an älter werdenden Männern

Älterwerden als Lebensgesetz
Jeder Mann, der auf die Fünfzig zugeht, vernimmt – zunächst oft nur rein körperlich –, dass er älter wird: die Kräfte lassen nach und die Beweglichkeit der Extremitäten beginnt allmählich zu schwinden. Das Aussehen verändert sich: die Haut schlägt Falten, die Haare vergrauen, die Sehkraft und das Hören werden schwächer, die männliche Attraktivität des „echten Kerls“ tendiert in Richtung derjenigen des „reiferen älterern Herrn“.

Dies alles, obwohl Geist und Seele immer noch recht frisch und das sexuelle Verlangen oder die Libido nichts zu wünschen übrig lassen. Beruflich oft noch auf dem Zenit der Möglichkeiten, sind die Signale des unumkehrbaren Älterwerdens dennoch nicht mehr zu übersehen.

Zwischen dem selbstverständlich gewordenen Selbstbild aus den beiden vorangegangenen Lebensjahrzehnten und dem sich allmählich, vor allem körperlich, abzeichnenden Alterungsprozess einerseits und dem sich mit ihm allmählich einstellenden Blick auf das nahende Lebensende hin, kommt es bei den meisten Männern zu einer ganz natürlichen seelischen Spannung zwischen diesen beiden Polen.

Manche bezeichnen diese Spannung als ein sicheres Zeichen für die midlife crisis des Mannes. Ich meine, dass es sich dabei nicht um eine Krise handelt, sondern um eine, der Pubertät vergleichbare Reifephase, die wir als Älterwerden bezeichnen.

Der Begriff der midlife crisis steht für ein für unsere Leistungsgesellschaft typisches sozial-kulturelles Phänomen, nämlich einer aus der Angst des Mannes vor Versagen entspringendes Selbstbild. Als ein auf ökonomischen und sexuellen Erfolg sozialisierter Mann, fühlt er sich in beiderlei Hinsicht entwertet, angesichts der von ihm zunehmend stärker werdenden sichtbaren Symptome seines Älterwerdens.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, auf diese unumstößliche Tatsache zu reagieren:

Entweder nehme ich mein naturbedingtes Älterwerden an, oder ich kämpfe dagegen, wie ich es aus meinen vorausgegangenen Lebensphasen kenne.

Unterstützt wird diese zweite, Älterwerden ablehnende Haltung durch die medial vermittelten Bilder vom „ewig jugendlichen besseren Herrn mittleren Alters“ – ich spreche dann gerne vom „Sky-Dymont-Syndrom“. Solche Bilder verlängern nur den über Jahrzehnte als normal empfundenen Druck, als Mann wirtschaftlich saturiert und sexuell potent zu sein – nein: sein zu müssen!

Dabei handelt es sich beim Älterwerden um eine ganz natürliche Sache, unabhängig von allen sozial-kulturell aufgestellten ideologischen Sollensvorschriften für Männer von Männern (wenngleich diese den rein biologischen Umschichtungsprozess, den wir Altern nennen, mehr oder weniger beeinflussen). Als extrem ist solche Beeinflussung an älteren Männern zu erkennen, die sich kleiden, als wären sie immer noch auf dem Schulhof oder in der Disco. Die haben es besonders schwer, die Tatsache, dass das Leben ein veränderliches und ein endliches ist, anzuerkennen und zu akzeptieren.

Aber wie geht das?

In Kürze erscheint im MännerPortal.Net der zweite Teil dieser Reihe:

Bewusstes Älterwerden als inneres Wachsen

Mit kraftvollen Grüßen von Mann zu Mann,

Euer Hans Raimund Aurer

Certified Ritual Elder des Mankind-Projects International

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Hans Aurer
Über Hans Aurer 2 Artikel
Dr. Hans Raimund Aurer, geb.1945 in Mannheim; Studium der Visuellen Kommunikation, der Kunstpädagogik, Kunstgeschichte ,Politischen Ökonomie und Philosophie; Promotion bei Prof. Gert Selle und Prof. Rudolf zur Lippe; Arbeitsgebiete: Sympoietische Bildung, Integrative Pädagogik und Psychologie. Bis 2009 Lehrtätigkeit an Gymnasien in Kunst, Arbeitslehre und Philosophie sowie in der Lehrerausbildung und Lehrerfortbildung an den Universitäten Flensburg und Bremen; außerschulische Ästhetische und Politische Bildung an Bildungsstätten im In- und Ausland.

Lebt und arbeitet in Freiburg i.B. und in Paleochora auf Kreta als freier Autor und Maler.

Seit 2000 Mitarbeit im ManKindProject International - seit 2015 Zertifizierter Ritual Ältester.

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