Mein Vater, den ich nicht sehen wollte

Der lange Weg zur Aussöhnung mit meinem Vater.

Foto: Pixabay | blanca_rovira

Vater

Mein Vater.
Den ich nicht sehen wollte.

Mein Vater.
Den keiner das Vater sein lehrte.

Mein Vater.
Der nur so seinen Weg gehen konnte.

Dein unfühlbarer Schmerz.

Mein Vater.
Den ich jetzt fühlen darf.

Mein Vater.
Ich danke Dir dafür.

Ich liebe Dich!

Tom Süssmann

Diese Zeilen habe ich Ende 2006 geschrieben. Nein, sie sind zu mir gekommen und zwar genau am Geburtstag meines ältesten Sohnes.

Heute wundere ich mich fast darüber, weil ich seit damals  noch einen weiten Weg gehen musste, um die Aussöhnung mit meinem Vater herbei zu führen. Vermutlich war die damalige Inspiration ihrer Zeit voraus.

Ich habe in diesem Artikel auch nur die wichtigsten Meilensteine aufgeführt. In Wirklichkeit hat der Aussöhnungsprozess wesentlich mehr beinhaltet.

Aber noch mal ganz von vorn.
Wenn mich als Jugendlicher jemand auf meinen Vater angesprochen hat, dann habe ich stets geantwortet:

„Ich habe keinen Vater, ich habe nur einen biologischen Erzeuger.“

Ich habe regelrecht damit rumgeprahlt und meine Klassenkameraden bemitleidet, die von ihren Vätern eingeschränkt wurden.

Ich konnte mir die Haare langwachsen lassen, ich bin abends aus der City spät nach Hause gekommen, ich konnte verwaschene Jeans tragen, ich habe Zigaretten geraucht, ich bin mit Freunden zu Rock-Konzerten getrampt.

Alles Dinge, die bei den anderen durch deren Väter reglementiert wurden.

Damals konnte ich mir nicht eingestehen, dass ich meinen Vater schmerzlich vermisst habe. Ja, es war mir auch überhaupt nicht bewusst.

Meine Mutter hatte sich von ihm getrennt als ich zweieinhalb Jahre alt war. Mein jüngerer Bruder war gerade auf die Welt gekommen. Obwohl sie nie bewusst schlecht über meinen Vater geredet hat, habe ich natürlich den Trennungsgrund mitbekommen und viel Gutes konnte sie aus ihrer Sicht auch nicht über ihn sagen.

Meine Mutter hat meinen Vater verlassen, weil er stark dem Alkohol zugesprochen hatte und im betrunkenen Zustand oft gewalttätig war.

Von ihr kam deshalb die unausgesprochene Botschaft:

„Werde nicht so ein Mann wie dein Vater.“

Während mein Vater sich natürlich wünschte, dass ich so wie er werde.

In diesem energetischen Spannungsfeld bin ich groß geworden und habe versucht, meinen eigenen Weg zu finden und zu gehen.

Unbewusst habe ich mich dabei immer alleine gefühlt. Ich hatte immer das unterschwellige Gefühl, dass ich der Welt schutzlos ausgeliefert bin, weil ich keinen Vater hatte. Damals war mir das nicht klar und ich habe diese Dinge erst rückwirkend durch meine Selbstarbeit herausgefunden und verstanden.

Vergeblicher Versuch der Kontaktaufnahme
In meinen Dreißigern war das Thema noch mal präsent. Ich war mittlerweile verheiratet und musste mich plötzlich auch als Ehemann innerhalb der Beziehung mit meiner Frau positionieren.

Ich kann mich heute nicht mehr genau daran erinnern, was mich dazu auf der bewussten Ebene veranlasst hat, aber ich hatte plötzlich den Impuls, meinen Vater aufzusuchen.

Er wohnte nur wenige Kilometer von mir entfernt und ich kannte auch das Haus. Also fuhr ich hin.

Ich stand schon vor dem Hoftor und hatte meinen Finger auf der Klingel, aber ich konnte nicht drauf drücken. Irgendwas hielt mich davon ab, meinem Vater zu begegnen.

Ich fuhr dann unverrichteter Dinge wieder nach Hause.

Rückblickend denke ich, dass es wohl besser war. Ich wäre damals nicht bereit und in der Lage gewesen, ihm zu begegnen und mit seiner möglichweise negativen Energie umzugehen und auch eine eventuelle Ablehnung seinerseits auszuhalten.

Danach verdrängte ich das Thema Vater. Eine Strategie, mit der ich bisher ganz gut gefahren war. Bis mich das Thema wieder einholte. Kurz vor dem ersten Geburtstag meines erstgeborenen Sohns rief mich eine seiner Schwestern, meine Tante, an und sagte mir, dass er im Krankenhaus läge und vermutlich nicht mehr lange leben würde. Sie wollte, dass ich ihn besuche.

Ich war aber damals voller Groll gegen meinen Vater und entschied mich, nicht hinzugehen und die Gelegenheit ihn noch mal zu sehen nicht zu nutzen. Heute bedauere ich das manchmal, aber tief in mir weiß ich, dass es damals für mich dir richtige Entscheidung war.

Foto: Pixabay | 4144132

Die Aussöhnung beginnt
In meinen Vierzigern habe ich mich dann auf Grund schwieriger Lebensumstände dazu entschieden mir eine professionelle Langzeitbegleitung für meine Persönlichkeits-Entwicklung zu holen.

In diesen zweieinhalb Jahren konnte ich mir viele Dinge aus meiner frühen Kindheit anschauen. Unter anderem war Thema, dass mein Vater als ich ca. 10 Wochen alt war entschieden hatte, mich zu meiner Oma zu geben, damit meine Mutter wieder arbeiten konnte. Das hatte bei mir eine Art Urtrauma ausgelöst, was dazu geführt hat, dass ich später nicht so gut im Leben verankert war wie es hätte sein können.

Diese Arbeit hatte damals einerseits dazu geführt, dass ich mich und mein Leben besser verstehen und meine Themen dann auch nach und nach auflösen konnte. Andererseits wurde mir klar, welche Rolle mein Vater damals bei der Entstehung des Traumas gespielt hatte und meine Wut und mein Groll auf ihn wuchsen.

Rückblickend waren das natürlich die ersten Schritte zur Aussöhnung, weil ich das Thema überhaupt zugelassen und nicht wieder verdrängt hatte. Ich habe dann über einen längeren Zeitraum diese Wut und den Groll zugelassen und auf eine gesunde Art und Weise zum Ausdruck gebracht.

Der erste „Kontakt“ mit meinem Vater
Einige Zeit später habe ich dann auf einem intensiven Männerseminar eine Art systemische Aufstellung gemacht. Dort hatte ich die Gelegenheit, meinem Vater (ein anderer Mann diente als Stellvertreter) noch alles zu sagen, was ich ihm persönlich nicht mehr hatte sagen können.

Das war für mich eine sehr berührende Angelegenheit und die Tränen flossen in Strömen. Es war für mich sehr befreiend und ich fühlte mich danach sehr erleichtert. Es war, als ob eine Last, die ich mein ganzes Leben lang getragen hatte, von mir abgefallen war.

Ich bin mit dem Vaterthema durch
Nach diesem tiefgreifenden Erlebnis war ich zugegebener Maßen etwas euphorisiert und glaubte, dass ich jetzt mit dem Vaterthema durch sei. Ich war der Meinung, dass ich bereist zu hundert Prozent mit meinem Vater ausgesöhnt war.

Aber dem war nicht so. Das Thema kam immer mal wieder hoch. Der Schmerz der Vaterwunde war des öfteren spürbar und ich fragte mich, warum das so sei und warum ich nicht mit dem Vaterthema abschließen konnte.

Bohrende Fragen waren für mich:

  • Warum hat sich mein Vater niemals bei mir gemeldet?
  • Warum hat er nie den Wunsch verspürt, seinen Sohn zu sehen, obwohl er nur wenige Kilometer weiter wohnte?
  • Wieso war ich ihm gleichgültig?

Diese Fragen, die mir niemand beantworten konnten, nagten an meinem Selbstwertgefühl und ich konnte sie nicht loswerden. Obwohl es mir insgesamt mit dem Aussöhnungsthema besser ging, konnte ich immer wieder Schmerz über das Verlassensein vom Vater spüren.

Antwort auf die quälenden Fragen
Einige Zeit später nahm ich an einem sogenannten Shadow-Seminar teil, wo ich meine Skills in der Prozessarbeit mit Männern verbessern und vertiefen konnte.

Im Rahmen dieses Seminars hatte ich Gelegenheit, an einem eigenen Thema zu arbeiten. Da bei mir kurz vorher mal wieder das Vaterthema hoch gekommen war, arbeitete ich daran.

Im Laufe dieses tiefgehenden und bewegenden Prozesses wurde mir klar, warum mein Vater sich nie bei mir gemeldet hatte.

Es war ein tiefes Schamgefühl, so, in seinem eigenen Elend als Alkoholiker, als Niemand und Versager seinem Sohn gegenüber zu treten. Er hatte sich für sein eigenes Sein zutiefst geschämt.

Diese Erkenntnis veränderte meine Einstellung zu meinem Vater schlagartig. Hatte ich vorher noch Widerstände gegen ihn gespürt und Groll darüber, dass er sich nie bei mir gemeldet hatte, so fühlte ich plötzlich ein tiefes Mitgefühl und Verständnis für ihn.

Es lag gar nicht an mir, dass er nie Kontakt aufgenommen hatte, sondern an seinem eigenen Problem mit sich selbst.

Seit diesem Tag kann ich meinen Vater energetisch hinter mir in der Ahnenreihe fühlen und das gibt mir Kraft und lässt mich meinen Platz im Leben einnehmen.

War ich jetzt mit dem Vaterthema durch? Hatte ich mich jetzt abschließend mit meinem Vater ausgesöhnt?

Ich denke, rückblickend hatte ich die schwierigsten Phasen der Aussöhnung hinter mir. Ich fühle mich stabil an meinem Platz im Leben und spüre die Kraft der männlichen Ahnenreihe hinter mir.

Auch in meinem eigenen Vatersein kommt mir meine Vater-Arbeit zu Gute. Ich fühle mich mittlerweile als guter Vater, auch wenn ich heute viele Dinge anders machen würde. Ich war der beste Vater, der ich sein konnte, und stehe jetzt meinen Söhnen so zur Seite, wie es gut für sie ist und wie ich sie unterstützen kann ohne sie einzuschränken oder zu vernachlässigen.

Sie fühlen meine Präsenz und die der Ahnenreihe, auch wenn es ihnen möglicherweise nicht bewusst ist. Deshalb können sie sich viel leichter auf ihren Platz im Leben begeben und gestärkt ihr Leben leben.

Was dann noch kam, sehe ich als einen Bonus und als ein Geschenk
Was ich hier noch beschreibe, ist nicht unbedingt notwendig gewesen für meine Aussöhnung mit meinem Vater. Ich sehe es mehr als Geschenk, als Belohnung für meine intensive Vater-Arbeit.

Ich bekam dann auf einer Familienaufstellung den Impuls, das Grab meines Vaters zu besuchen. Da mein jüngerer Sohn vor einiger Zeit den gleichen Wunsch geäußert hatte,  überlegte ich, wie ich das realisieren konnte.

Da ich nicht wusste, wo genau mein Vater beerdigt war, kontaktierte ich meine Cousine und bat sie um Unterstützung. Wir vereinbarten zunächst ein Treffen bei ihr zu Hause, wo ich auch meiner Tante, der andere ältere Schwester meines Vaters, die ich bisher noch nicht kennen gelernt hatte, begegnet bin.

Durch meine Tante erfuhr ich eine Integration in die Familie meines Vaters. Sie konnte mir wichtige Informationen über meinen Vater geben:

  • Er war auch feinfühlig.
  • Er wurde schon mit 14 Jahren von anderen Männern zum Alkohol verführt.
  • Er hat die Natur geliebt und saß oft stundenlang in seinem Garten.
  • Er hat meine Mutter geliebt, obwohl sie ihn verlassen hatte.

Diese Informationen haben meine Verbindung und meine Liebe zu meinem Vater noch verstärkt. Er war ein Mann, der vermutlich nie die Gelegenheit hatte, für sich ein gutes Männer- und Vaterbild zu definieren und sich deshalb an Männern orientieren musste, die das auch nicht hatten.

Ich fühle auch eine tiefe Dankbarkeit dafür, dass ich in einer Zeit lebe, in der ich diese intensive Selbstarbeit auf verschiedenen Ebenen machen kann und jetzt auch andere Männer bei deren Arbeit unterstützen kann.

Aho!

Bleibt noch folgendes zu sagen: Als ich dann tatsächlich am Grab stand, hatte es nicht mehr viel Bedeutung für mich. Viel wichtiger war es, dass ich ihn in mir und hinter mir spüren konnte.


Tom Süssmann bietet in seinem Projekt „Einfach Mannsein!“ Einzelcoachings, Gruppencoachings, Workshops und Seminare zum Thema „Aussöhnung mit dem Vater“ an.
Mehr dazu findest du auf Einfach-Mannsein.com ->


Weitere Artikel zum Thema „Aussöhnung mit dem Vater“

Vater-Hunger, Vater-Kraft

Der Mann, der mein Vater war

Das passierte als ich meinem Vater vergab

Zweiter Weltkrieg und die seelischen Trümmer zwischen Vater und Sohn

Über Tom Süssmann 35 Artikel

Tom Süssmann ist Jahrgang 1957 und hat zwei Söhne (geb. 1994 und 1999).

Er arbeitet mit großer Leidenschaft als WebDesigner+Coach und er beschäftigt sich schon seit 2006 mit dem Thema Männer-Arbeit, seit 2009 auch mit der Jungen-Arbeit.

Die Idee einer eigenen Website für Männerthemen entstand schon 2007 kurz nachdem er das Initiations-Wochenende von ManKind Project Deutschland durchlaufen hatte.

Tom: „Ich hatte damals im WWW recherchiert, aber nur wenig Information zur Männer-Arbeit gefunden. Da enstand die Idee etwas eigenes zu machen

Tom’s neustes Projekt heißt: Einfach Mannsein! Mannsein erscheint heute oft als schwierig. Tom zeigt hier wie es auch einfacher gehen kann.

Neben der Männer-Arbeit, für die er auch ein spezielles Männer-Coaching anbietet, liegt Tom auch am Herzen Menschen dabei zu unterstützen ihre Berufung, Herzensarbeit kurz VLV zu finden und davon leben zu können.

In seiner WebAgentur schließlich erstellt er für seine Kunden individuelle Webseiten und unterstützt sie mit Ganzheitlichem WebDesign.

Mehr über Tom ->


Tom im Web:
Einfach Mannsein!

www.süssmannWeb.de
Ganzheitliches WebDesign
www.ganzheitlicher.Coach
Männer-Coach
VLV-Coach
MPN Facebook-Page
Ganzheitlicher Coach Facebook-Page

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Share This