HIV – Die Geschichte meiner Diagnose Teil 2

Der Autor und Fotograf Philipp Spiegel berichtet über seine persönlichen Erfahrungen als er von sein HIV-Infizierung erfuhr.

Hier kannst du Teil 1 lesen ->

Emails, die niemand bekommen möchte.

Andrea und ich machen uns zurück an die Arbeit. Wir verbringen unsere Tage in den Slums und Rotlichtbezirken Mumbais. Wir interviewen, fotografieren, portraitieren und konzentrieren uns auf die Projekte. Genau die Ablenkung, die ich brauche.

Meine Nächte sind lang und schlaflos. Panikattacken, Abertausende Fragen, Ängste um die Zukunft kreisen um mich im Rhythmus des quietschenden Deckenventilators. Ich fange an, mir eine Liste zu machen, und durchforste die letzten Monate meines Liebeslebens in meinem Kopf.

Wer war es? Wann war es? Wie kam es dazu?

Ja, ich bin ein Charmeur, ein „Womanizer“. Aber ich halte stets Kontakt mit den Frauen, mit denen ich zusammen war, sei es über Facebook oder ihre Nummern. Ich bin nicht jemand, der einfach verschwindet. Sehr oft ergeben sich aus meinen Liebschaften Freundschaften. Sogar sehr enge. Zumindest aber herrscht stets ein respektvoller Umgang – zum Glück. Das macht wenigstens die logistische Arbeit einfacher.

Dank der Recherchearbeit über die Inkubationszeit, den Krankheitsverlauf und die Primär-Infektion kann ich den Zeitrahmen der Infektion in etwa berechnen. Es muss vor circa fünf  Monaten gewesen sein. Ein Glück. Eine so frühe Diagnose ist das Beste, was mir in so diesem Fall passieren konnte. Das Virus hat noch wenig Schaden angerichtet – ich kann es bald gut bekämpfen.

Die Liste der Frauen ist bald fertig. Es gibt vier, die ich informieren muss. Vier Frauen, die ich angesteckt haben könnte. Und eine, bei denen ich mich angesteckt habe.

Die Angst, eine dieser Frauen angesteckt zu haben, erdrückt mich. Einer der Hauptgründe der schlaflosen Nächte. Dass ich mir das Virus eingefangen habe, damit kann ich noch irgendwie umgehen. Aber dafür verantwortlich zu sein, jemanden angesteckt zu haben, ist ein grausiger Gedanke für mich, der mir den Schlaf raubt. Ich will für diesen Fluch, wie ich es empfinde, nicht verantwortlich sein.

Ein paar Tage gebe ich mir Zeit. Die Angst ist zu groß – ich will die Aufgabe verschleppen und führe viele lange Gespräche mit Andrea. Ich suche Ausreden, es nicht zu tun, aber ich weiß: Ich muss da durch.

Zaghaft schleppe ich mich in das enge, heiße Internetcafé mit den verstörend lauten Ventilatoren. Neben mir skypen Inder laut und fröhlich mit ihren Familien, zocken Videospiele. Und ich sitze vor dem offenen Mailprogramm.

„Das ist die schwierigste Nachricht, die ich jemals geschrieben habe “, fange ich an. Und schreibe. Erkläre. Entschuldige mich tausende Male.

Wann ist ein guter Zeitpunkt für eine E-Mail, die niemand bekommen möchte? Ich füge noch die Öffnungszeiten der jeweiligen Aidshilfen ein. Damit sie alle am nächsten Tag gleich zum Test gehen können. Meine Finger zittern, die Maus schwebt lange über der „Senden“-Schaltfläche.

Und dann verschicke ich den Fluch um die Welt. Worte, die Leben verändern.

Die Warterei fängt wieder von vorne an. Kein Internet im Hotel zu haben, ist vielleicht sogar eine gute Sache. So kann ich nicht alle fünf Minuten nachsehen. Am nächsten Tag habe ich noch keine Antworten. Unsicher, ob die Nachrichten angekommen sind, quetsche ich mich in die sargähnliche Telefonzelle des Internetcafés und rufe an.

Während um mich der chaotische, indische Alltag rauscht, habe ich ruhige, intime und warme Gespräche. Angespannt, ängstlich – aber ruhig. Sie werden es mir morgen sagen können. Zumindest die zwei, die ich erreichen konnte. Auf mein eigenes Resultat warten war eine Sache, aber auf die Resultate der Frauen zu warten, ist noch mal eine Nummer größer. Mein schlechtes Gewissen quält mich die ganze Nacht.

Und dann trudeln die Nachrichten ein.

Negativ.

Und negativ.

Dann kommt eine Nachricht aus Argentinien, die mich überrascht. „Wie kannst du mir so etwas nur sagen? Was fällt dir ein!? Ich habe gerade eine Beziehung angefangen!“

Und dann das dritte „negativ“.

Mit jedem„negativ“ fällt mir der nächste Stein vom Herzen. Überglücklich im Sturm, der mein Leben geworden ist. Ich bin erleichtert – ich habe niemanden angesteckt. Und ich weiß jetzt auch, von wem ich es habe.

Die Wütende. Sie wusste es noch nicht und hat Angst. Sie würde es in ein paar Tagen erfahren. In den nächsten Tagen denke ich oft an die Zeit mit ihr. Das wunderschöne Wochenende in Spanien. Wir hatten schon Jahre zuvor, in Argentinien, eine Romanze. Wie der Zufall es wollte, waren wir zur gleichen Zeit in Madrid– und die Magie von damals war wieder da. Eine intensive sexuelle Verbindung, Leidenschaft und Erotik umhüllten uns. Wir wussten, es wird nur ein Wochenende, verbarrikadierten uns im Hotel und genossen uns gegenseitig. Ja – bei der Penetration benutzte ich natürlich Kondome. Aber Sex ist so viel mehr als das. Während wir eng umschlungen das Wochenende verbrachten, hatte sie auch ihre Regelblutung. Blut war überall. Am Körper, am Penis, am Mund.

Wie ich später erfahren werde, hat sie sich kurz vor unserem Wochenende infiziert – die Viruslast war enorm hoch. Sie war höchst ansteckend.

Nach vielen Jahren kommt mir noch immer der Gedanke: Wenigstens war es ein wunderschönes Wochenende, an dem Leidenschaft herrschte. Und nicht ein dummer One-Night-Stand oder ein sinnloses Tinder-Date.

Ich bin ihr auch heute nicht böse. Zum Sex gehören zwei. Es war schließlich auch meine Entscheidung. Obwohl wir nach diesem Schock noch einige Zeit Kontakt hatten, verflüchtigte sich dieser später. Ich merkte, sie tat sich schwer, mit mir zu reden – im Wissen, dass ich mich bei ihr angesteckt habe.

Die letzten Tage in Indien sind von Traurigkeit überschattet. Andrea und ich beenden unsere Projekte, und ich fange an, mich zu verabschieden. Von dem Leben, das ich bis dahin hatte. Der Mensch, der vor ein paar Wochen hier angekommen ist, bleibt hier. Bei meiner Ankunft in Wien wird mich eine neue Realität willkommen heißen.

Als ich in das Flugzeug steige, weiß ich, dass ich mich meinen Dämonen stellen muss. Den Dämonen, die ich mir selber geschaffen habe.

Nebenwirkungen des Lebens

Der eisige, düstere Wiener Januar spiegelt meinen Zustand wider. Kälte und Dunkelheit umhüllen mich. Ich muss mich auf ein Leben einstellen, das ich nicht wollte. Muss gefühlt tausend Sachen erledigen und Entscheidungen treffen.

Wann sage ich es meinen Freunden? Wie sage ich es meiner Familie? Wann fange ich mit der Therapie an? Wie werden sich die Medikamente auswirken? Werde ich etwas spüren? Werde ich wieder reisen können? Wieder Sex haben?

Jeden Morgen wache ich erschöpft auf und starre in den Abgrund. Ich mache mir To-do-Listen zum Abarbeiten. Gehe einen kleinen Schritt nach dem anderen. Schleppe mich heute zu diesem und morgen zu jenem Arzt. Mache einen Termin mit einen Psychologin.

Und niemand ist da, mit dem ich das teilen kann oder will.

Die Aidshilfe hilft mit dem Organisatorischen, der Bürokratie, gibt medizinische Infos – eine wichtige und bitter nötige Stütze. Trotzdem fühle ich mich alleine. Völlig fehl am Platz.

Im Wartezimmer sehe ich auf die vielen Flyer und Infoblätter. Buddy-Gruppen, Selbsthilfegruppen – alle beworben mit halbnackten, grinsenden Muskelprotzen. Aber wohin gehöre ich? Wo sind die Frauen? Die Hetero-Themen? Der Austausch?

Mein Körper wird zum Objekt. Ich werde gründlich untersucht. Meine Lunge, mein Blut, meine riesig angeschwollenen Lymphknoten. Und dann kommen widerliche Begleiterscheinungen einer HIV-Infektion. Juckender Pilzbefall. Ich widere mich selbst an. Die Augenringe werden dunkler. Mein düsterer Winter wird noch lange dauern.

Als Fotograf muss ich stets ein „Alphatier“ sein. Die Kontrolle übernehmen, Anweisungen geben, selbstbewusst Entscheidungen treffen.

Das fällt jetzt alles flach. Ich bin dazu nicht mehr imstande. Bin zu wenig fokussiert, zu verunsichert und zu abgelenkt.

Eine Abwärtsspirale erfasst mich. Die Qualität meiner Arbeit ist nicht mehr gegeben. HIV dringt in jeden Lebensbereich. Jetzt wird das Virus sogar zur Armutsfalle.

Beim ersten Besuch einer dieser Selbsthilfegruppen schaudert es mich. Gemeinsames Kochen ist angesagt. Ich blickte in traurige Augen, die traurig Gemüse schneiden, um eine traurige Spaghetti-Soße zu machen.

Mir geht es noch schlechter als davor. Als mir einer der Männer von seinem All-Inclusive-Kluburlaub erzählt, ergreife ich die Flucht. Noch nie habe ich mich derart fehl am Platz gefühlt.

„Da gehöre ich nicht hin!“, schreit es in meinem Kopf. „Das bin ich nicht. Ich bin nicht das Virus. Ich werde das doch nicht zulassen? So darf meine Zukunft nicht aussehen!“

Und wieder ergreife ich die Initiative. Ich muss aus diesem Teufelskreis raus. Ein Schritt nach dem anderen – aber diesmal im Angriffsmodus.

Ich setze mir das erste Ziel: Die Viruslast soll unter die Nachweisgrenze. Ich will mich nicht mehr ansteckend sein. Wieder Sex haben können. Und mir das Wissen aneignen, um meinen Freunden von der Infektion zu erzählen – mitsamt den ganzen Infos, wie die Therapie funktioniert und wie sie wirkt. Ihnen zeigen, wie gut ich mich auskenne, und dass ich keine Angst habe.

Das heißt: Therapiestart. Eine Pille am Tag. Für den Rest meines Lebens. Eine Pille, die mir das Leben schenkt. Mich sicher macht. Ein erschreckender Gedanke.

Ich schreibe einen Abschiedsbrief an mein medikamentenfreies Leben. Mit Angst vor Nebenwirkungen schluckte ich die erste Pille – sechs Wochen nach meiner Diagnose.

Die Nebenwirkungen kommen nicht. Ich bin in den Kampf gezogen, um meine Verteidigungslinie gegen das Virus zu ziehen und zu halten. Hierher und nicht weiter.

Und es geht schnell. Die Nachweisgrenze ist in wenigen Wochen erreicht. Das Virus ist unter meiner Kontrolle – zumindest medizinisch.

Der erste Erfolg motiviert mich. Gibt mir wieder ein klein wenig Selbstvertrauen und Hoffnung. Die Kraft, mich meinen Freunden und meiner Familie zu öffnen – und sie um Hilfe zu bitten.

Im Laufe der nächsten Wochen sehe ich in Dutzende Augen. Der Blick, der mich trifft, wenn ich von meiner HIV-Infektion erzähle, ist von Angst, Schock und Unwissen geprägt. Ich fühle mich wie ein Botschafter von Tod und Verderben. Und jedes Mal muss ich selbst ruhig bleiben, um alles zu erklären. Die Ansteckung, die Therapie, die nächsten Schritte. Ein erschöpfender Parcours der Emotionen.

Aber sie sind da. Alle. Sie behandeln mich nicht anders als sonst. Das Faszinierende ist: Wenn ich HIV nicht mehr erwähne, existiert es einfach nicht mehr. Meine Freunde und sogar meine Schwester vergessen es immer wieder.

Ich mache den nächsten Anlauf zum Besuch einer Selbsthilfegruppe. Ich beobachte die Männer und Frauen, die vom Leben gezeichnet hineingehen. Und muss an mein Glück denken. Meine Freunde, meine Familie. Ich habe einen Rückhalt, den diese Menschen hier wahrscheinlich nicht haben. Und gehöre tatsächlich nicht dazu.

Ich drehe mich um und gehe nach Hause.

Die nächsten Wochen werden zu Monaten, zu Jahren.

Ich lebe vor mich hin. Im Konflikt und in der Neuausrichtung. In meiner Neugründung. Werde psychologisch betreut, ziehe mich zurück. Lebe einsam. Gehe gelegentlich aus, habe gelegentlich Dates, trinke viel Alkohol. Bin auf der Suche nach mir. Versuche, meine Sexualität wiederzufinden. Bin wütend auf Frauen, wütend auf mich. Wütend auf die Welt.

Frust und Ärger werden Teil von mir. Ich balanciere am Abgrund zur Verzweiflung und Depression, spiele mit dem Feuer.

Doch dies ist keine Auseinandersetzung mit HIV, sondern mit mir selbst und mit allem, was ich bis dahin gewesen bin.

Langsam kriecht der wichtigste Gedanke in meinen Kopf: Es ist trotzdem meine Entscheidung. Ich kann entscheiden, wie ich die nächsten 40 Jahre leben werde. Verbittert? Einsam? Als Opfer? Oder nehme ich die Zügel selbst in die Hand? Stehe ich zu mir, zu dem, wer ich bin?

Ich bin schließlich nicht krank. Ich trage ein Virus in mir, aber ich bin gesund. Gesünder als viele anderen.

Langsam ist der Horizont in Sicht. Langsam kommt eine Aufbruchsstimmung in mir hoch.

Und dann ruft mich Mona an. Meine Exfreundin, meine beste Freundin. Zusammengeschweißt mit mir, seit sie vor zwei Jahren der Rettungsanker in der Nacht nach meiner Diagnose war.

Mona ist schwanger. Und der Vater des Kindes will abhauen.

So schnell, wie er weg ist, so schnell packe ich meine Sachen und gehe zu ihr nach Spanien.

Die nächsten Monate leben wir in einer umfunktionierten Garage ihres Vaters leben. Schlafen neben Auto und Werzeug.

Sie ermutigt mich, wieder auszugehen, Frauen kennenzulernen und das Leben zu genießen. Ich helfe ihr mit dem Schwangerschafts-Prozedere.

Wir lernen mit- und voneinander. Ich sehe, wie tapfer sie ihre Aufgabe antritt, ihr Kind allein großzuziehen. Sie inspiriert mich. Und ich schäme mich für mein mürrisches Opferdasein. Mein verletztes Ego.

Jetzt ist mir endgültig klar: Es ist meine Entscheidung, mich dem Leben mit HIV zu stellen. „Get busy living, or get busy dying.“

Die alte Holländerin vom Osho-Zentrum fällt mir wieder ein. Tatsächlich. Sie hatte recht.

Als ich Monas Kind ein paar Stunden nach der Geburt in den Armen halte, fängt für uns alle ein neues Kapitel an. Wie es auch kommen mag, es wird alles gut werden.

Ich fühle mich demütig, glücklich und befreit von den Ängsten, die mich so lange verfolgt haben. Das Leben hat mich wieder.

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Dieser Artikel wurde auch bei der Deutschen Aids Hilfe veröffentlicht.

Philipp Spiegel
Über Philipp Spiegel 2 Artikel
Philipp Spiegel ist Fotograf, Autor und Künstler mit Sitz in Barcelona und Wien.

Geboren 1982, machte er sich nach dem Marketing-Studium 2007 als Fotograf selbstständig. In den ersten Berufsjahren experimentierte er mit unterschiedlichen Genres. Sehr schnell entwickelte er dabei seine Leidenschaft für die Reportagefotografie, die ihn für längere Aufenthalte zunächst nach Südamerika und Asien brachte. In den Folgejahren arbeitete er an Reportagen in Indien, Pakistan, Afghanistan und Nepal mit dem Fokus auf soziale Themen, wie Menschenhandel, Diskriminierung und HIV.

Aufgrund der immer schwieriger werdenden Bedingungen in der Fotografie legte er später einen weiteren, neuen Arbeitsschwerpunkt auf kommerzielle Projekte in den Bereichen Mode-, und Werbefotografie sowie technische Fotografie.

Mit seiner HIV-Diagnose 2014 begann er, sich den Themen rund um den Virus, der Se xualität und der gesellschaftlichen Stigmatisierung zu widmen: Seine Arbeiten befassen sich mit HIV sowie den Konsequenzen – sei es im Dating, bei Einreisebeschränkungen oder bei gesellschaftlichen Vorurteilen.

Weitere Projektthemen von Philipp Spiegel sind Sexualität allgemein sowie sexuelle Freiheit und Diskriminierung im Speziellen.
Philipp im Web: philipp-spiegel.com

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