Der Archetyp des Liebhabers Teil 3

Formen und Entwicklungen eines verdrängten männlichen Archetyps

Foto: Pixabay | Tudor44

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4. Der Schatten des Liebhabers
Inzwischen gibt es viele sensible Männer, Männer die sich nicht in der zum Teil mit einem tiefen Misstrauen besetzten autoritären patriarchalen Struktur sehen. Männer die zu Hause bleiben und die Kinder mit großziehen. Männer die auch weibliche Werte vertreten.

Schnell war das Wort vom Softie geprägt. Nach und nach zeigt sich das irgendetwas fehlt, wenn diese Männer dort stehen bleiben. Es fehlt das männliche Element. Richard Rohr sagt in seinem Buch „Der Wilde Mann“:

„Viele der jungen Männer haben sich zu warmen, lieben, sensiblen, häuslichen Wesen entwickelt – Gott sei Dank! Aber irgend etwas fehlte ihnen. Sie hatten alle diese Fähigkeiten integriert – aber sie hatten eigentlich keine Lebensziele mehr. Irgendwie fehlte es an vorwärtsdrängender Energie, an Entschlossenheit und Autorität.“
(Richard Rohr S.40)

Der Widerspruch, der sich hier abzeichnet, scheint viele Männer zu beschäftigen. „Wenn ich als Mann auch meine weiblichen Teile lebe, wenn ich – wie die Jungjaner sagen – auch meine Anima lebe, wo bleibt dann meine Kraft, meine Durchsetzungsfähigkeit, meine männliche Energie.“

Mehr und mehr Männer sind durch die sich ändernden Familienstrukturen, alleinerziehende Mütter, abwesende Väter, stark vom weiblichen beeinflusst, der Zugang zur Liebhaberenergie fällt ihnen leicht. Aber das Männliche scheint irgendwie zu fehlen, es gibt keine Vorbilder im männlichen Bereich, die abseits der alten Rollenbilder eine Lösung bieten. Wo also geht die Reise hin für diese – für uns Männer?

5. Die Reise zum Wilden Mann
Richard Rohr spricht in seinem Buch “Der Wilde Mann”. Von den zwei Reisen des Mannes (S. 37 ff). Die erste Reise führt den Mann zu seinem weiblichen Teil, die zweite Reise führt ihn zum Wilden Mann. Der Wilde Mann steht für Erdverbundenheit, Wildheit, Selbstbewusstsein und Aufrichtigkeit. Ich möchte dieses Konzept hier kurz erläutern.

Die erste Reise wird erst möglich, nachdem die herrschenden Muster von Männlichkeit ins Wanken geraten waren. „Eine Reihe von Männern begannen, sich auf die Reise zu machen, um aus dem normativen Muster auszubrechen. Ich nenne dies die Reise ins Weibliche. Nie zuvor – außer vielleicht im Zeitalter der Romantik – haben so viele Männer sich erlaubt, endlich Gefühle zu haben und zu zeigen.  Die erste Reise machen wir in der Regel durch unsere Beziehungen zu Frauen; unsere Mütter, unsere Schwestern, unsere Freundinnen und Ehefrauen. Für viele Männer sind die Partnerinnen die große Chance, ihrer eigenen “weiblichen Seite” näher zu kommen.“ (Richard Rohr, S.38)

Ähnlich, wie die Frauen, die gerade dabei sind ihre männliche Seite zu erkennen und eine Reise zur Stärke machen, machen viele Männer eine Reise in die Schwäche, wie Richard Rohr es ausdrückt. Aber auf diese erste Reise muss eine zweite folgen, für die Frauen ist das die Reise in eine echte tiefe Weiblichkeit. Für uns Männer ist es die Reise zu einer echten tiefen Männlichkeit. Für Rohr steht dabei fest, dass die zweite Reise nur auf die erste folgen kann, nur wenn Mann den Weg in seine eigene Schwäche und Gefühlswelt ganz gegangen ist, kann daraus eine wirkliche, tiefe und stabile Männlichkeit entstehen.

Richard Rohr nennt die zweite Reise, die Reise von Johannes dem Täufer. “ Diese Reise ist ein einsamer Weg. Wie wird er dargestellt? Allein in der Wüste, außerhalb der Gesellschaft.” (Richard Rohr, S.41) Er ist nicht angewiesen auf das Wohlwollen der Gesellschaft, er hat seine eigenen Regeln und Standpunkte und ist bereit diese zu verteidigen. Gleichzeitig ist er in Verbindung mit etwas Höherem (bei Johannes dem Täufer ist dies Gott), er hat sich auf die Suche nach der Wahrheit gemacht und ist bereit sich mit tieferen Werten und Einsichten zu verbinden. Diese Form  wilder Männerenergie sieht Rohr auch bei Jesus.

Für Ton van Kroon ist der Wilde Mann “ein Sehender und Wissender. Er steht in Verbindung mit Tieren, Pflanzen und der kollektiven Psyche, er hat Heil- und Seherkräfte. Der wilde Mann ist in Initiator; er kann einen Mann in seine Verbindung mit der Erde einweihen und zu seiner wahren Natur führen. … Seine Wildheit verweist nicht so sehr auf Gewalttätigkeit, sondern eher auf eine wilde innere Natur. Sie ist die Authentizität, die Ursprünglichkeit, die Natur eines Menschen, die im Verlauf des Erwachsenwerdens oft verlorengeht. (Ton van der Kroon, S.28ff)

Richard Rohr sagt an anderer Stelle:

„Aber leider fehlen uns genügend Wilde Männer. Wir haben Chauvis, Machos, Männer mit falscher Selbstsicherheit – man muss sich nur in der politischen Szene umsehen. wo gibt es  da noch radikale neue Visionen oder tiefere Werte?“
(Richard Rohr, S.44f)

Die beste Lektüre, für den, der sich näher mit dem Wilden Mann beschäftigen will, ist der Eisenhans von Robert Bly. In diesem Buch widmet sich Bly einem Märchen der Gebrüder Grimm “Der Eisenhans“, das von einem Königssohn und seiner Begegnung mit einem Wilden Mann handelt. Bly lotet in seinem Werk die psychologischen und mythologischen Tiefen des Märchens aus.

Tatsächlich ist der Wilde Mann eine Gestalt, die bis ins Mittelalter verbreitet vorkommt, noch immer erinnern Ortsnamen (beispielsweise Stadtteile in Dresden, Augsburg, Basel etc.) an diese Figur. Laut Bly (S. 329 ff) ist der Wilde Mann die Verkörperung eines archetypischen Wald- und Jagdgottes. In der griechischen Mythologie entspräche das dem schon erwähnten Pan, dem
Jagd- und Hirtengott, der nicht nur dem Teufel Pate stand, sondern auch der Wortschöpfer der PANik ist.

Interessant an der Figur des Wilden Mannes scheint mir zu sein, dass er so ziemlich zur gleichen Zeit aus unserer Kultur verschwindet, wie die Energie des Liebhabers. Genau wie Sensibilität und freie Sexualität aus der männlichen Psyche verdrängt wurden, so verschwand auch das Symbol der Wildheit und Ursprünglichkeit.

Sollte der Wilde Mann so etwas, wie eine andere, starke Seite der Liebhaberenergie sein? Auch Götter, wie Shiva oder Dionysos haben ihre wilden Anteile. Dies wiederum würde dafür sprechen,  dass die beiden Reisen, wie Richard Rohr sie beschreibt durchaus in einem tieferen mythologischen Zusammenhang stehen, sie sind wie die zwei Seiten der selben Münze.

Eine These die hier nur kurz angesprochen werden soll, die aber meiner Meinung nach, einer tieferen Untersuchung lohnen würde. Einer Untersuchung, darüber, wie sich die Energien des Liebhaber-Archetyps und des Wilden Mannes, in der Psyche von Männern gegenseitig befruchten können.

6. Schluss: Der Liebhaber in meinem Leben
Als Sohn einer starken Mutter und eines emotional distanzierten Vaters, aufgewachsen in einer Familie mit starken Geschlechtsvorurteilen gegenüber Männern, waren es die Frauen, die mein emotionales Leben entscheidend prägten.
Als Kind kannte ich das Gefühl mit Allem eins zu sein und eine starke Verbundenheit zur Natur zu spüren. Als ich dann aber unter Gleichaltrige kam, war ich schnell in der Rolle des Träumers und des Muttersöhnchens. Ich schien irgendwie nicht dem gängigen Bild zu entsprechen, wie ein Junge zu sein hatte. Nach einer Phase des stillen Leidens und des „mich falsch fühlens“  versuchte ich mich den äußeren Gegebenheiten anzupassen, indem ich sie so gut wie möglich imitierte. Zunächst durch Gesten die ich für männlich hielt, später erlernte ich dann einen  Kampfsport und versuchte mich möglichst Machohaft zu benehmen. Innerlich sah die Welt ganz anders aus, ich fühlte mich längst nicht so wie ich mich nach außen gab: Irgendwie wusste ich gar nicht so recht wie ich mich fühlte. Gefühle waren da jede Menge, aber ich fühlte mich verloren in all dem Fühlen.

Ich bin jetzt Mitte 40, habe meine Kindheit in den 60ern des letzten Jahrhunderts verbracht und meine Jugend in den 80ern. Flowerpower, die Hippiezeit, kenne ich mehr aus Erzählungen als aus wirklichem Miterleben. Aber ich kann mich gut an das tiefe Misstrauen erinnern, mit dem ich in meiner Jugend dem gängigen Männerbild entgegenstand. Misstrauen gegenüber meinem Vater, der seine Gefühle nicht ausdrücken konnte und Misstrauen gegen die Generation der Großväter, die noch aktiv auf der einen oder anderen Seite mit dem Weltkrieg und die Nazizeit verwickelt waren. Was fehlte war ein positives Bild von Männlichkeit.

Wir waren stolz anders zu sein, lange Haare zu tragen, gingen für mehr Mitbestimmung, Frieden, gleiche Rechte für Frauen auf die Strasse. Wir betrachteten uns als intellektuell, kreativ,  engagiert und weltoffen. Wir experimentierten mit Drogen herum, glaubten, dass die Frauen den Planeten retten könnten und standen auf David Bowie und Brian Ferry, die ihre Androgynität nach Außen trugen.

Erst viel später, als ich Anfing nach anderen Werten zu suchen als politischen und kulturellen, wurde mir klar, wie sehr mich der emotionale Einfluss meine Mutter geprägt hatte, wie abgeschnitten ich seid meiner Kindheit von der Welt meines Vaters war. Wie stark das Weibliche in mir war und wie bedürftig das Männliche. Wie meine männliche Seite nach Anerkennung und Orientierung suchte, die mir in den entscheidenden Jugendjahren vorenthalten war. Seid dem ging es für mich um männliche Werte und männliche Eigenschaften, wie Stärke, Klarheit, Autorität und Verantwortungsbewusstsein. Dem Weiblichen, der Welt meiner Mutter stand ich jetzt ehr misstrauisch gegenüber.

Erst während meines Tantratrainings wurde mir klar, dass diese weibliche Seite die ich in mir spürte, der Quell großer Kreativität sein konnte, das je stärker meine männliche Seite wurde auch meine Weibliche wachsen konnte. Dass all das, was ich mich vorher nicht getraut hatte, wie meine Lust am Tanzen, meine Freude an Zärtlichkeiten und Berührung und Sinnlichkeit, Stärken waren – und darin auch die Quelle meiner Spiritualität zu finden war. Mehr noch, dass diese Seite durchaus mit einer gesunden Männlichkeit verbunden sein kann und muss.

Auf einer abstrakteren Ebene war meine Entwicklung gar nicht so ungewöhnlich. Mit dem starken Band zu meiner Mutter, hatte ich einen Zugang zu meinen Gefühlen gefunden, ich fühlte mich verbunden. Ein Zugang zur Natur, in deren Nähe ich aufgewachsen bin und etwas dass ich als einen spirituellen Zugang zur Welt bezeichnen würde, standen mir schon früh offen. Gleichzeitig fehlte mir der Zugang zu den emotionalen männlichen Energien. Diese Verlorenheit drängte mich in die Schattenseiten des Liebhabers: Süchte, getrieben sein, Rastlosigkeit. Durch das nicht durchtrennte Band zu meiner Mutter, war ich unfähig Kontakt zu einer „echten Frau“ aufzunehmen, die Angst emotional überflutet zu werden war zu groß.

Nach außen versuchte ich die Liebhaberenergie zu verdrängen, wobei ich mich in gewisser Weise selbst verletzte. Erst der Zugang zu den anderen Archetypen, durch Männergruppen und intensiveren Kontakt zu anderen Männern konnte ich mir ganz allmählich auch den Zugang zum Liebhaber erlauben.

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Literaturverzeichnis (Quellenangaben)
Bly, Robert (1990). Eisenhans. Ein Buch über Männer. München: Kindler Verlag, 1991.

Bolen, Jean Shinoda (1989). Götter in jedem Mann: besser verstehen, wie Männer leben und lieben. Basel: Sphinx Verlag, 1991.

Großes Lexikon: a bis z (1995). Chur, Schweiz: ISIS Verlag.

Kroon, Ton van der (1996). Die Rückkehr des Löwen : von Liebe, Lust und Herzenspower ; ein Buch für Männer. Freiburg im Breisgau: Bauer Verlag, 2. Auflage 1999.

Moore, Robert & Gilette, Douglas (1990). König Krieger Magier Liebhaber : Die Stärken des Mannes.

Rohr, Richard (1986). Der wilde Mann : Geistliche Reden zur Männerbefreiung. München: Claudius Verlag, 7. Auflage 1988.


Ralf Hartmann
Über Ralf Hartmann 3 Artikel
Ralf Hartmann. geboren 1960 in der Nähe von Kassel. Studium von Sprachen und Wirtschaft in Kassel. Arbeitet seit über 25 Jahren als selbständiger IT-Berater u.a. in Leipzig, München und seit 7 Jahren mit Lebensmittelpunkt in Wien.

Genau so lange wie mit IT beschäftigt er sich mit Persönlichkeitsentwicklung und Spiritualität, u.a. mit Männer-Themen, Wilderness-Arbeit (School of Lost Borders), IBP, Sexual Grounding, Five Rhythms. Ausbildungen in Tantra (Aruna Institut), Coaching (ESBA), Dialog-Prozessbegleitung und als Psychologischer Berater.
Foto: privat

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