Wann ist ein Mann ein Mann?

ist nicht nur seit dem Grönemeyer-Song die Frage aller Fragen

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Wann ist ein Mann ein Mann
„Wann ist ein Mann ein Mann“ ist nicht nur seit dem Grönemeyer-Song die Frage aller Fragen und wird gerne dann genommen, wenn sich jemand für Männer und Männlichkeit interessiert. So lautete auch letztens die Überschrift eines Interviews, das ich MyMonk, einem Online-Magazin für Innere Ruhe und Wachstum, gegeben habe.

Die Frage impliziert aber auch, dass Männer etwas dafür tun müssen, um als Männer wahrgenommen zu werden. Es reicht also nicht, als Mann geboren zu werden. Die umgedrehte Fragestellung „Wann ist eine Frau eine Frau“ habe ich so noch nie gehört. Meine Überzeugung ist die, dass Männer prinzipiell nichts tun müssen, um als Mann wahrgenommen zu werden. Vielmehr stellt sich für mich die Frage, was ein Mann tun muss, um sich selbst als Mensch besser wahrzunehmen, mit all seinen Facetten, Empfindungen und Gefühlen.

Denn wir alle wurden als komplette Menschen mit einer kompletten und gesunden Empfindungswelt in diese Welt geboren. Die einen haben sich in Richtung Emotion, Gefühle und offene Kommunikation entwickelt; die anderen – meistens wir Männer – haben dagegen einen anderen Weg genommen: Sind schweigsamer, konkurrierender und härter gegen uns selbst geworden. War das freiwillig? Ich glaube nicht. Sondern eher an das Resultat unserer Erziehung und weiteren Sozialisation.

Ich hab mich unterwegs selbst verloren
Was ich bei vielen Männern in meinen Coachings und Seminaren feststelle ist, dass sie den Zugang zu sich selbst verloren haben – sie bekommen sich nur noch dann mit, wenn etwas sehr extrem aus dem Ruder läuft oder – um einen Vergleich aus einem Orchester zu wählen – die Pauken und Trompeten besonders laut geworden sind. Das heißt, ich spreche von Eigenwahrnehmung und von Achtsamkeit auf sich selbst:

  • Wie geht es mir im Moment?
  • Welche Empfindungen habe ich im Körper?
  • Was passiert, wenn ich XY begegne?
  • Wie geht es mir, wenn ich unter Druck bin? Wieviel Druck mache ich mir selbst?
  • Wie geht es mir in der Begegnung mit meiner Partnerin?

Das sind erste Impulsfragen zum Einstieg in das Thema. Impulsfragen, die ich mir stündlich immer wieder ganz kurz stellen kann. Ganz beiläufig. Und nur beobachte, welche Antworten da kommen, vielleicht kurz nach dem instinktiven und reflexmäßigen „Gut“, „Prima“ oder dem eher bayerischen „Passt scho“.

Wir haben unsere Seele oft gut gepolstert
Wir haben es oft verlernt, das, was in uns abgeht, differenziert wahrzunehmen. Weil wir die „Rüstung“, die wir da draußen in der Arbeitswelt vielleicht brauchen, gar nicht mehr zwischendurch oder am Feierabend und Wochenende aufbekommen. Schlüssel oder Dosenöffner verloren. Und so sind wir abgepanzert in ein und demselben Modus unterwegs – beruflich und privat. Wo doch die private Seite nichts mit Abpanzerung zu tun hat, sondern mit dem Gegenteil: Mit Liebe, Zuneigung und einem offenen Herzen.

Erlerntes Verhalten kann auch wieder verlernt werden
Ich weiß, dass wir durch Beobachten lernen. Und wir haben viel gelernt, in den ersten Jahren unserer Kindheit. Oder haben uns den ständigen Ermahnungen von außen einfach angepasst, sind so geworden, wie die uns einfach haben wollten. Damit wir nicht immer anecken, sondern einigermaßen Ruhe haben.

Ruhe, welch köstliches Wort. Genau darum geht es – ich will keinen Stress haben, sondern meine Ruhe. Und da tue ich alles dafür. Ich verhalte mich so, dass ich ruhig durch die Zeit komme. Nur – das lässt sich gerade in Beziehungen nicht lange durchhalten. Weil mein Gegenüber vielleicht mehr von mir möchte. Und ich mich nicht traue, oder es nicht gelernt habe, Nein zu sagen.

Im Berufsleben überhaupt kein Problem. Mit dem Nein. Aber in Beziehungen. Da schaff ich mir doch lieber viele Hobbies an. Oder arbeite einfach pro Tag länger. Oder verzieh mich direkt vor den Fernseher oder vors Tablet. Nur kein unruhiges Neuland. Und verhungere dabei emotional genauso wie meine Partnerin. Die nicht mehr andocken kann. Und ich selbst traue mich gar nicht mehr, da andocken zu wollen.

Gerade in Partnerschaften ein schleichender Prozess. Der dann irgendwann einmal ein böses Ende nimmt. Irgendjemand bricht aus der Partnerschaft aus. Scherbenhaufen und die Suche beginnt von Neuem. Oder ich als Mann mache es wie Bruce Willis: Ein Mann geht seinen Weg alleine. Oder war das John Wayne?

Ich überspitze. Aber das gehört dazu. Letztlich geht es immer darum, wieder in seine Rollenflexibilität zu kommen. Zwischen den Rollen als Berufs-Mann, als Ehe-Mann, als Liebhaber und als Papa flexibel hin und her wandern zu können. Und zwar dann, wenn ich das möchte. Und nicht festgetackert zu sein, auf eine einzige Rolle, die ich mir irgendwann angeeignet habe: Als abgepanzerter Geschäftsmann oder allgemeiner formuliert Arbeitsmann.

Meine Erfahrung: Diese Rollenflexibilität ist in uns nativ eingebaut. Wir haben sie nur im Laufe der Jahre (Danke an unsere Erziehung) verlernt und manchmal auch vergessen. Aber – sie ist da. Es gilt nur, da wieder anzudocken, wo wir sie verloren haben. Ohne aber das zu verlieren, was uns geholfen hat, im Leben zu bestehen. Denn das Leben besteht immer aus verschiedenen Facetten: Abgepanzert oder mit offenem Visier.

Denn – was soll Ihnen als erwachsener Mann schon passieren, wenn Sie Ihre emotionalen Hosen runterlassen? Ganz ehrlich!

Volker Hepp
Über Volker Hepp 4 Artikel

Volker Hepp, Jahrgang 1962, lebt mit Frau und Tieren (2 Hunde, 2 Pferde) am Ammersee, westlich von München.

Ich wandere zwischen zwei Welten, die mir beide gleich wichtig sind: Auf der einen Seite seit über 20 Jahren Key Account Manager in der IT; auf der anderen Seite seit 15 Jahren als Coach, der sich auf die Themen Burnout-Prävention, Paartherapie und Persönlichkeitsentwicklung spezialisiert hat.
Was mich besonders geprägt hat, waren neben meiner NLP-Ausbildung die dreijährige Weiterbildung zum Somatic Experiencing-Practitioner (Traumaverarbeitung) und zwei weitere Ausbildung in Richtung Bindung- und Entwicklungstraumen.

Wahlmöglichkeit – den eigenen Lebensweg selbstbestimmt zu gehen, ist eine große Herausforderung, aber auch ein lohnendes Ziel! Coaching und die Arbeit mit persönlichen und beruflichen Herausforderungen sind dabei eine Möglichkeit, zu diesem Ziel der Selbstbestimmung und der persönlichen Wahlmöglichkeit zu gelangen. Gerade Ihre Wahlmöglichkeit zu jedem Zeitpunkt Ihres erwachsenen Lebens liegt mir dabei besonders am Herzen.

2 Kommentare

  1. Wann ist Mann ein Mann,
    diese Frage wurde mir auch schon all zu oft gestellt, zu meinem „sehr großen Stolz“ auch schon öfters mal im Fernsehen. Die haben mich gefragt, weil ich Männerarbeit anbiete und vor allem, weil ich archaische Rituale mit Männern mache, von denen es auch Bild und Filmmaterial gibt. Das ist fürs Fernsehen natürlich interessanter als einen Stuhlkreis abzubilden ☺
    Warum nicht, dachte ich mir und habe bei ein paar Dokumentationen und Talkshows mitgemacht.
    Im Lauf der Zeit hat es mich aber regelrecht genervt, daß alle Welt davon ausgeht, dass „Mann“ ein Problem hat. Ok, es gibt Männer mit Problemen und es gibt Frauen mit Problemen, übrigens auch eine Menge Kinder.
    Wann ist Mann ein Mann ist für mich inzwischen zur Nebensache geworden und die für mich bessere Frage lautet inzwischen:
    Wann bist Du Du?
    Für mich gibt es sehr männliche Männer und sehr weibliche Frauen und sehr weibliche Männer und sehr männliche Frauen und dazu ändert sich das auch noch im Laufe eines Lebens und sogar je nach Situation.
    Noch eine Frage finde ich gut:
    Was ist männlich und was ist weiblich?
    Da beides in uns existiert kann ich nur zu einer Abenteuerreise einladen, beide Teile in sich zu entdecken.
    Und es ist gut und wichtig, dass sich Männer mit „klassischen“ Männerthemen an einen Coach oder Heiler wenden und dass es Männer gibt, die Ihr Talent und ihre Gabe diesem Bereich widmen.
    Danke Volker

    • Lieber Jack,
      danke für deinen Kommentar und deine erweiterte Sichtweise zum Thema.

      Ich finde auch, dass es ein guter Ansatz ist, Männer nicht grundsätzlich als gestört und problembehaftet anzusehen.

      Meines Erachtens muss jeder Mann die Frage: „Was bedeutet es ein Mann zu sein?“ für sich selbst beantworten.

      Verschiedene Innensichten wie Animus-Anima, Archetypen und andere Methoden aus der modernen Männer-Arbeit sind da hilfreich.

      Gut dass es Männer gibt wie dich, Volker und die anderen Autoren im MPN, die andere Männer dabei unterstützen die zentrale Frage zu beantworten.

      Danke

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